Direkt zum Inhalt
Ein Fuchs öffnet eine Tür

Wie Burschenschaften und Identitäre verschmelzen

Der Blick auf deutsche Universitätsstädte offenbart hinter historischen Sandsteinfassaden ein hochgefährliches politisches Phänomen: Die fortschreitende, strukturelle Symbiose aus völkischen Burschenschaftern und den kadermäßig organisierten Netzwerken der extremen Rechten. Was gemeinhin als verstaubte Altherrenkultur abgetan wird, bildet tatsächlich ein zentrales logistisches, finanzielles und personelles Fundament des modernen Faschismus. Längst agieren die Verbindungen des Dachverbands Deutsche Burschenschaft  als Kaderschmiede. Viele der Mitglieder sind zugleich in der Identitären Bewegung (IB) aktiv, einige werden Mitarbeiter von AfD-Politikern oder übernehmen selbst Parlamentsmandate. Trennlinien zwischen scheinbar bürgerlichen Akademikern und militanten Neofaschisten werden dabei immer dünner – oder existieren nur noch als strategische Mimikry für die Öffentlichkeit.

Das Mainzer Machtzentrum: Germania Halle und die parlamentarische Landnahme

Ein herausragendes Beispiel für die Symbiose von Partei, identitärem Netzwerk und Burschenschaft findet sich in der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt Mainz. Im Fokus steht hier seit Jahren die Burschenschaft Germania Halle zu Mainz. Im »neurechten« Ökosystem agiert diese als regelrechter Karrierebeschleuniger. Prominente Köpfe der Verbindung nehmen strategisch entscheidende Rollen im bundesweiten Netzwerk innerhalb der rechtsextremen AfD sowie zwischen der Partei und ihrem Vorfeld ein.

So ist Sebastian Münzenmaier »Alter Herr« der Germania Halle zu Mainz. Der einflussreiche AfD-Bundestagsabgeordnete, der in der Vergangenheit wegen Gewaltdelikten im Hooligan-Milieu verurteilt wurde, nutzt seine korporierten Netzwerke systematisch, um den parlamentarischen Unterbau mit Personal aus dem rechtsextremen Spektrum zu besetzen. Von einem regelrechten »Münzenmaier-Netzwerk« ist mitunter die Rede, er wird zudem als Vertrauter von Alice Weidel beschrieben.

Engster Vertrauensmann Münzenmaiers ist Damian Lohr. Lohr, ebenfalls Mitglied der Germania Halle zu Mainz, agiert als Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz. Als ehemaliger Bundesvorsitzender der mittlerweile aufgelösten AfD-Jugendorganisation Junge Alternative schlägt er die direkte Brücke von der völkischen Burschenschaft in die Parteijugend und die rheinland-pfälzische Landespolitik.

Der rheinhessische AfD-Politiker Alexander Jungbluth gehört ebenfalls zum Mainzer Netzwerk. Er ist nicht nur in der Germania Halle zu Mainz aktiv, sondern auch in der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn, die einst mit der rassistischen Forderung nach einem »Arier-Nachweis« für Fuxen, also Nachwuchs-Burschenschaftler, bundesweit Schlagzeilen machte. Jungbluth hat den Sprung ins Europäische Parlament geschafft – zuvor war er Mitarbeiter von Münzenmaier – und fungiert zudem als Bundesschatzmeister der AfD, was ihn zu einem logistischen Knotenpunkt für die Verteilung finanzieller Ressourcen an das neofaschistische Vorfeld macht.

Weiterhin gehören der Germania Halle zu Mainz mehrere Mainzer AfD-Kommunalpolitiker an, darunter Benjamin Steiner, der Geschäftsführer der Mainzer AfD-Stadtratsfraktion ist. Steiner war noch vor wenigen Jahren in der IB aktiv. Fotos zeigen ihn im Sommer 2020 am Infostand einer »IB-Sommertour«; noch im Januar 2022 nahm er mit der IB-Tarnstruktur Aktives Hessen an einer Corona-Demonstration in Frankfurt teil.

Diese Biografien belegen eine bewusste Strategie: Das Korporationshaus der Germania Halle dient als geschützter Raum, wo Kadern ein Rückzugsraum geboten wird und wo diese herangezogen werden. Nach dem Studium greift das korporierte Prinzip des »Lebensbundes«, und die AfD-Parlamentsfraktionen bieten den passenden, steuerfinanzierten Arbeitsmarkt, um diese Akteure mit Jobs und Geld zu versorgen.

Das Beispiel Berlin: Die Gothia, Peter Kurth und der extrem rechte Immobiliensumpf

Die Berliner Burschenschaft Gothia fungiert als zentrales Bindeglied zwischen konservativer Elite und rechtsextremem Milieu, professionalisiert durch die Verbindung von »Alten Herren« und der IB. Besonders brisant ist die Rolle des ehemaligen Berliner CDU-Finanzsenators Peter Kurth, der als Gothia-Mitglied signifikante finanzielle Mittel in »neurechte« Immobilienprojekte leitete.

Kurth war über Jahrzehnte kein unbeschriebenes Blatt im Berliner Politikbetrieb, sondern ein exzellent vernetzter Lobbyist und hochrangiger Funktionär – zeitgleich agierte er jedoch als einer der einflussreichsten Köpfe und langjähriger Vorsitzender der Altherrenvereinigung der ultrarechten Burschenschaft Gothia. Und er blieb nicht nur als ideologischer Sympathisant im Hintergrund, sondern fungierte als strategischer Großfinanzier des »neurechten« Ökosystems. Er nutzte seine beträchtlichen finanziellen sowie logistischen Mittel, um die Identitäre Bewegung zu stärken. Medienberichte, antifaschistische Recherchen und zivilgesellschaftliche Dokumentationsstellen legten offen, dass Kurth allein im Jahr 2019 eine Summe von 120.000 Euro an die IB. In den Folgejahren 2020 und 2022 flossen weitere Tranchen von insgesamt nochmals 120.000 Euro. Mit dieser knappen Viertelmillion finanzierte Kurth maßgeblich den Aufbau und Erwerb von Immobilien durch die neofaschistische Gruppierung, darunter das derzeit strategisch wichtigste Hausprojekt der Identitären im sächsischen Chemnitz.

Dass die Identitäre Bewegung trotz staatlichen Verfolgungsdrucks, Kontensperrungen und Beobachtung durch den Inlandsgeheimdienst weiterhin in der Lage ist, Schulungszentren und Veranstaltungsstätten zu betreiben, ist nicht zuletzt auf die finanzielle Absicherung durch korporierte Millionäre wie Kurth zurückzuführen.

Wie eng die Fäden zwischen bürgerlicher Fassade, AfD-Spitze und identitärem Aktivismus zusammenlaufen, verdeutlichte ein konspiratives Treffen im Juli 2023 in Kurths privater Berliner Wohnung. Zu den geladenen Gästen des Gothia-Altherrenvorsitzenden gehörten Martin Sellner, das langjährige Gesicht und der Chefideologe der IB in den deutschsprachigen Ländern, außerdem Maximilian Krah, der spätere Spitzenkandidat der AfD für die Europawahl, sowie mehrere hochrangige Funktionäre der Berliner AfD und ausgewählte Mitglieder völkischer Burschenschaften. Diese Zusammenkunft unterstreicht die Rolle Kurths als Knotenpunkt. Seine Wohnung diente als geschützter Salon, in dem die metapolitischen Strategien der »Neuen Rechten« direkt mit parlamentarischen Akteuren und finanzstarken Förderern abgestimmt wurden.

Dass das Netzwerk um Peter Kurth bis in den gewaltbereiten, rechtsterroristischen Untergrund reicht, wurde durch eine Großrazzia im November 2024 offenkundig. Der Generalbundesanwalt ließ zu diesem Zeitpunkt mehrere mutmaßliche Mitglieder der militant-rassistischen Gruppierung Sächsische Separatisten festnehmen, die sich auf einen bewaffneten Umsturz am »Tag X« vorbereitet hatten. Kurz darauf enthüllten Recherchen des Spiegel, dass Peter Kurth den mutmaßlichen Rechtsterroristen ein Darlehen in Höhe von 100.000 Euro gewährt hatte. Mit dem Geld kauften die Rechtsextremen, von denen fast die Hälfte zugleich AfD-Mitglieder waren, eine Immobilie im sächsischen Grimma, um dort einen konspirativen Szenetreff zu etablieren. Diese direkte Verbindung belegt die Entgrenzung des Milieus: Das völkisch-burschenschaftliche Netzwerk, orchestriert von einem ehemaligen Finanzsenator, schreckte nicht davor zurück, Akteure zu finanzieren, die den gewaltsamen Umsturz des demokratischen Systems planten.

Fazit: Licht in die korporierten Schattenwelten bringen

Die dargestellten Beispiele aus Mainz und Berlin verdeutlichen, dass völkische Burschenschaften längst nicht mehr als isolierte Traditionsvereine betrachtet werden können. Vielmehr fungieren sie als zentrale Knotenpunkte eines Netzwerks, das parlamentarische Akteure der AfD, identitäre Aktivisten, finanzstarke Förderer und teilweise sogar Akteure aus dem rechtsextremen Untergrund miteinander verbindet. Korporationshäuser bieten dabei nicht nur ideologische Sozialisation und lebenslange Loyalitätsstrukturen, sondern auch Zugang zu Ressourcen, Kontakten und Karrierewegen innerhalb der extremen Rechten.

Die Bedeutung dieser Verbindungen liegt gerade in ihrer Funktion als Scharnier zwischen unterschiedlichen Milieus: Sie ermöglichen den Austausch von Personal, Kapital und strategischem Wissen zwischen vermeintlich bürgerlichen Kreisen und offen rechtsextremen Organisationen. Dadurch entsteht eine Infrastruktur, die weit über einzelne Parteien oder Gruppierungen hinausreicht und zur langfristigen Stabilisierung sowie Professionalisierung der extremen Rechten beiträgt.

Wer die gesellschaftliche Verankerung und politische Handlungsfähigkeit rechter Netzwerke verstehen will, darf daher nicht nur auf öffentliche Wahlkämpfe oder spektakuläre Aktionen blicken. Ebenso relevant sind die oft weniger sichtbaren Räume, in denen Beziehungen geknüpft, Karrieren gefördert und finanzielle Ressourcen mobilisiert werden. Die Untersuchung dieser Strukturen bleibt eine zentrale Voraussetzung, um die Reichweite und Dynamik des organisierten Rechtsextremismus in Deutschland angemessen einschätzen zu können.