Festung der Vernunft?
Hochschulpolitik von rechts und was zu tun wäre
Die Universität im Spätkapitalismus war nie der herrschaftsfreie Raum der reinen Wahrheit, als den die bürgerliche Ideologie sie gerne verklärt. Sie ist und bleibt ein ideologischer Staatsapparat, eine Reproduktionsstätte für die funktionellen Eliten des Kapitals, organisiert entlang der ökonomischen Verwertungsinteressen der herrschenden Klasse. Wenn wir heute die Bedrohung der Hochschulen von rechts nachdenken, darf dies daher nicht aus der Position einer naiven Illusion über die »freie, bürgerliche Wissenschaft« geschehen. Diese Wissenschaft ist im Kern bereits entfremdet, drittmittelgesteuert, hierarchisch und tief in die Aufrechterhaltung kapitalistischer Verhältnisse verstrickt.
Doch die gegenwärtige Qualität der rechten Offensive gegen die Hochschulen – exekutiert durch die AfD und ihr Vorfeld – zielt auf etwas Spezifisches ab: Es ist der Versuch, den bürgerlich-liberalen Minimalkonsens akademischer Rationalität zugunsten einer autoritär-völkischen Formierung zu brechen. Um diese Strategie zu begreifen, greift eine bloß moralische Empörung zu kurz. Es bedarf einer materialistischen Faschismusanalyse, kombiniert mit den Einsichten des Freudomarxismus der Frankfurter Schule, um die Verkopplung von ökonomischer Krisenhaftigkeit, autoritärer Charakterstruktur und hochschulpolitischer Praxis zu durchdringen.
Das AfD-Programm: Entkerntes Nützlichkeitsdenken und völkische Identitätspolitik
Ein Blick in die hochschulpolitischen Programme und Anträge der AfD offenbart eine scheinbare Paradoxie, die sich materialistisch jedoch schnell auflösen lässt. Auf der einen Seite verfolgt die Partei eine radikale Unterordnung der Lehre unter das ökonomische Nützlichkeitsprinzip. Die Abschaffung des Bologna-Systems wird nicht etwa gefordert, um die Entfremdung des Studiums aufzuheben, sondern um eine Elitisierung voranzutreiben, die den »akademischen Überhang« abbaut und das Proletariat dorthin zurückdrängt, wo das Kapital im Moment des Fachkräftemangels nach billigerer Arbeitskraft verlangt: in die betriebliche Ausbildung.
Auf der anderen Seite steht der Kulturkampf. Die AfD fordert die Schließung und Austrocknung von Instituten, die sich mit Gender Studies, Postcolonial Studies oder kritischer Gesellschaftstheorie befassen. Formal wird dies als »Rückkehr zur Ideologiefreiheit« bemäntelt. Materialistisch betrachtet handelt es sich um den Versuch, jene Nischen zu liquidieren, in denen die Totalität der Warengesellschaft und ihre patriarchalen wie rassistischen Herrschaftsstrukturen überhaupt noch begrifflich reflektiert werden können. Unter dem Schlagwort der »Freiheit der Wissenschaft« soll eine bestimmte politische Kontrolle etabliert werden: Die Durchsetzung eines nationalkonservativen bis völkischen Gesellschaftsbildes gegen kritische, emanzipatorische und demokratische Positionen.
Für den Faschismus ist die Wissenschaft nur insoweit legitim, wie sie entweder unmittelbar verwertbare Technologie (Militär, Industrie) liefert oder als Legitimationsideologie für das Eigene, Nationale fungiert. Jede Form von Selbstreflexion der Vernunft wird als »zersetzend« markiert. Das rechte Hochschulprogramm ist somit die administrative Spiegelung der faschistischen Sehnsucht nach einer Welt ohne Ambivalenz, in der das Subjekt sich restlos in das Kollektiv der Nation einfügt.
Die Struktur des Ressentiments: Aufbegehren gegen den »unfassbaren Geist«
Warum verfängt diese Rhetorik? Hier hilft – einmal mehr – der Freudomarxismus, wie ihn Adorno, Horkheimer und Fromm entwickelt haben. Der spätkapitalistische Subjektstatus ist durch permanente Verunsicherung und die Angst vor dem sozialen Abstieg geprägt. Das Individuum, permanent gezwungen zur Selbstoptimierung auf dem Markt, entwickelt eine autoritäre Charakterstruktur als Abwehrmechanismus gegen die eigene Ohnmacht.
Die Universität – und insbesondere die Geistes- und Sozialwissenschaften – wird in der psychischen Ökonomie des autoritären Charakters zum Projektionsraum. Sie gilt als der Ort der »Dekadenz«, an dem vermeintlich arbeitslose Intellektuelle auf Kosten des »hart arbeitenden Volkes« Privilegien genießen. Der Hass auf die Theorie ist der rationalisierte Neid des entfremdet arbeitenden Subjekts auf eine Tätigkeit, die sich (scheinbar) dem unmittelbaren Zwang der Fabrik- oder Büroarbeit entzieht.
Seit Jahren zeichnet die AfD das Bild einer angeblich von »Linken«, »Woken« oder »68ern«, und in jedem Fall unproduktiven, beherrschten Universität. Die Hochschule erscheint als Ort einer kulturellen Hegemonie, die es zu brechen gelte. Damit können Ressentiments mobilisiert werden: Professor*innen, Studierende oder Forschende werden zu Repräsentant*innen einer vermeintlichen Herrschaft der »politischen Korrektheit« stilisiert – gegen die sich dann der angeblich gerechtfertigte Hass des »einfachen Volkes« richten dürfe.
Die rechte Einflussnahme an den Universitäten – durch studentische Burschenschaften, das Institut für Staatspolitik oder gezielte Kampagnen gegen linke Dozent*innen – bedient genau diese Triebstruktur. Wenn Rechte von der »Cancel Culture« an Universitäten sprechen, kehren sie die realen Verhältnisse um. Sie inszenieren sich als Opfer einer allmächtigen Institution, um die eigene Aggression psychisch zu legitimieren. Die Denunziationsplattformen (»Neutrale Schulen/Universitäten«), die von der AfD installiert wurden, um kritische Lehrende zu melden, funktionieren wie der faschistische Blockwart: Sie kanalisieren den Sadismus des autoritären Charakters in eine staatlich oder parteilich sanktionierte Überwachungspraxis.
Der Fall Sachsen-Anhalt: Die rechte Machtoption
Die Gefahr dieser hochschulpolitischen Strategie wird dort konkret, wo die extreme Rechte parlamentarische Machtoptionen erlangt. Sachsen-Anhalt steht hierbei exemplarisch für die Verwerfungen der ostdeutschen Transformations- und Deindustrialisierungsgeschichte, die als Nährboden für den Aufstieg des Faschismus dienten. Mit Blick auf die nächsten Landtagswahlen zeichnet sich ein Szenario ab, in dem der Einfluss der AfD auf den parlamentarischen Raum und die staatlichen Institutionen massiv zunimmt.
In einem Bundesland, dessen Hochschul- und Kulturlandschaft ohnehin durch jahrzehntelange neoliberale Kürzungspolitik (»Sparen bis es quietscht«) materiell ausgeblutet ist, trifft die rechte Programmatik auf einen geschwächten Organismus. Wenn die AfD über Haushaltsverhandlungen Druck auf die Hochschulbudgets ausüben kann, wird sie dies nicht über das Holzschwert des offenen Verbots tun, sondern über den Entzug von Ressourcen.
Ein Kulturkampf über den Etat bedeutet konkret: Universitäten sollen gezwungen werden, Studiengänge einzustampfen, die nicht profitorientiert oder »heimatverbunden« sind. Über die Ministerien und Hochschulräte kann darüber hinaus Druck aufgebaut werden, um unliebsame, kritische Wissenschaftler*innen zu verhindern und stattdessen systemkonforme Technokraten oder rechte Ideolog*innen zu platzieren. Und schließlich sollen der studentischen Selbstverwaltung die Mittel entzogen werden. Der AStA, historisch oft ein Ort antifaschistischer Organisierung, wird durch rechtliche Gängelung (Einschränkung des allgemeinpolitischen Mandats) handlungsunfähig gemacht.
Die Drohung in Sachsen-Anhalt ist somit nicht bloß die einer ideologischen Verschiebung, sondern die einer materiellen Säuberung der akademischen Infrastruktur unter dem Deckmantel haushaltspolitischer Konsolidierung.
Gegen die bürgerliche Illusion: Wissenschaft ist kein neutraler Schutzraum
Angesichts dieser Bedrohung neigt der liberale Antifaschismus dazu, die Universität als »Hort der Aufklärung« und der »freien Debatte« zu verteidigen. Diese Position ist ideologisch blind. Die bürgerliche Wissenschaft war historisch nie der Antagonist des Faschismus; sie war oft genug sein Steigbügelhalter. Die deutschen Universitäten waren 1933 weit vor der politischen Gleichschaltung bereits durch und durch völkisch, antisemitisch und reaktionär durchsetzt. Die Professorenschaft hat sich bereitwillig in den Dienst des »Handelns« gestellt, weil die bürgerliche Wissenschaftsmethode – die Trennung von Wert und Faktum, der Positivismus – keine inhärente Barriere gegen die Barbarei besitzt.
Wenn Wissenschaft sich nur als wertfreie Beschreibung des Bestehenden versteht, wird sie komplementär zu jeder Herrschaftsform, solange diese das Funktionieren der Labore und Rechenzentren garantiert. Die aktuelle Ausrichtung der Universitäten auf Drittmitteleinwerbung, Prekarisierung des akademischen Mittelbaus (WissZeitVG) und die algorithmische Messbarkeit von Output erzeugt genau jenen Typus des opportunistischen, flexiblen Funktionärs, den Max Horkheimer als Prototyp der verwalteten Welt beschrieb. Wer im System des »Publish or Perish« ums nackte Überleben kämpft, leistet keinen Widerstand gegen die schleichende Faschisierung; er passt sich an.
Fazit und Ausblick: Konkrete antifaschistische Hochschulpraxis
Ein materialistischer und freudomarxistischer Antifaschismus an den Hochschulen darf sich daher nicht darauf beschränken, die Rückkehr zum Status quo ante des liberalen Universitätsbetriebs zu fordern. Die Verteidigung der Wissenschaft gegen rechts ist nur dann wirksam, wenn sie mit einer Kritik am Ganzen verbunden wird.
Materialistische Solidarität statt akademischer Dünkel: Der Kampf gegen rechts an der Universität muss den akademischen Mittelbau, die Studierenden und das nicht-wissenschaftliche Personal (Verwaltung, Reinigung, Technik) zusammendenken. Die Prekarität im Betrieb ist die Einfallspforte für Vereinzelung und die autoritäre Dynamik.
Kritische Theorie als Praxis: Es gilt, die Nischen der Kritik nicht nur defensiv zu verwalten, sondern sie offensiv zu nutzen, um die Verbindung zwischen kapitalistischer Krise und faschistischer Scheinlösung offenzulegen. Die Demaskierung der rechten Hochschulpolitik als Strategie zur Durchsetzung härterer Ausbeutungsbedingungen muss kollektiv erarbeitet werden.
Zerschlagung der autoritären Strukturen: Solange die Universität hierarchisch wie ein absolutistischer Hofstaat (Ordinarienuniversität) oder wie ein neoliberaler Konzern organisiert ist, bleibt sie anfällig für autoritäre Durchgriffe. Antifaschistische Hochschulpolitik bedeutet den Kampf für die radikale Demokratisierung aller akademischen Entscheidungsprozesse.
Der Kampf um die Hochschule wird nicht im Elfenbeinturm entschieden, sondern auf dem Terrain der materiellen Auseinandersetzung. Wenn wir die Festung der bürgerlichen Wissenschaft gegen die völkischen Barbaren verteidigen, dann nur, um sie gleichzeitig als Bastion für die Befreiung der Menschheit aus den Fesseln der Warengesellschaft umzugestalten.