Identitäre Abwege: Die »Aktion451« in Frankfurt
Unter dem Namen »Aktion451« inszeniert sich eine vermeintlich neue Gruppe, die extrem rechte Politik an den Hochschulen machen will. Tatsächlich handelt es sich jedoch bloß um ein neues Label der »Identitären Bewegung«. Mit dabei sind auch Funktionäre der hessischen AfD-Jugend
Lodernde Flammen spiegeln sich in einer Sonnenbrille. »Dieser Uni fehlt das Feuer!« schreit das Flugblatt den Betrachenden ins Gesicht. Ende Februar wurde es auf dem IG-Farben-Campus im Westend verteilt. Oder besser gesagt, es tauchte auf, es lag plötzlich auf Bänken herum. Die Verteiler blieben unsichtbar, waren nicht für Rückfragen ansprechbar, machten sich selbst rar. Nur ein Selfie vom Balkon des Hörsaalzentrums, ein paar Dutzend Flyer, dann waren sie wieder verschwunden.
Die Flyer sind der Auftakt einer neofaschistischen Kampagne. Bei der vermeintlich neuen, unabhängigen Organisation, die für die Flugblattaktion verantwortlich zeichnet, handelt es sich tatsächlich um ein Label der Identitären Bewegung (IB). Diese tritt bereits seit Jahren immer wieder mit neuen Gruppennamen in die Öffentlichkeit. Das Ziel ist immer dasselbe: Dem Faschismus ein neues, zeitgemäßes Äußeres zu geben, wegzukommen vom Schmuddel-Image der Kameradschaftsnazis und NPDler. Als freundlich, jung, aktivistisch und elitär inszenieren sich die Identitären gerne. Auch ideologisch setzt man auf eine Reformulierung rechter Inhalte: »Ethnopluralismus« statt »Rassismus« und nicht zuletzt »Remigration« statt »Ausländer raus« – der Inhalt ist derselbe, das Wording klingt harmloser. Damit konnte die Gruppierung einige Erfolge landen und bis weit in die AfD hineinwirken.
Die Mär von der linken Universität
Was haben diese neuen Rechten gegen die Universitäten? Die Rückseite des Flugblatts verrät es: »…denn linke Hochschulen sind langweilig!« steht dort. Daneben ragt die Abbildung einer Karl-Marx-Büste ins Layout. Marx‘ Augen sind von roten Kreuzen verdeckt. Offenbar stehen insbesondere der Trierer Politökonom und seine Gesellschaftskritik im Zentrum der Aufmerksamkeit der Gruppierung, die sich »Aktion451« nennt.
»Die Uni redet von Vielfalt – und produziert Einfalt. Sie will dich umerziehen, kleinhalten, brechen. Doch unsere Generation muss nicht in grauer Monotonie untergehen!«, argwöhnt das Flugblatt. Nun sind Monotonie, Einfalt und Langeweile vielen Studierenden sicher nicht fremd; im Gegenteil, sich in Seminaren und Vorlesungen zu langweilen, gehört für viele zum Studienalltag dazu. Doch diese Langeweile ist ganz offenbar nicht gemeint, wie die folgende Aufzählung beweist: »Wir können: Kultur leben, Stärke zeigen, Schönheit feiern«. Dass es spätestens ab diesem Punkt ob der Plumpheit des Werbetextes unfreiwillig komisch wird, sei dahingestellt. Denn der Text setzt noch einen drauf: »Wir genießen das Leben – und wir wissen, wer wir sind. Lies die Bücher, die sie verbieten wollen. Sei stolz, wo sie Schuld verlangen. Sei stark, wo sie Schwäche predigen. Tu, was sie fürchten.«
In der Vorstellung der »Aktion451« bestehen die Hochschulen also aus verweichlichten, vom »Schuldkult« gepeinigten, schwachen Individuen, die nicht wissen, wer sie sind, wo sie herkommen, worauf sie stolz sein können und die nichts verstehen von Kultur, Schönheit und Stärke. Stattdessen sind »sie« es, die dort Bücher verbieten und Gehirne waschen. Wer das ist, bleibt offen – sind es die Dozierenden? Sind es die anderen Studierenden? Sind es etwa die Wissenschaftsministerien oder die Universitätspräsidien?
Die Homepage der »Aktion451«, in Österreich registriert, gibt dazu etwas mehr Informationen: An Hochschulen sei die richtige Meinung heute wichtiger als eine gute Leistung, dort werde man überdies »mit Ideologieprojekten überschwemmt«, etwa von »link(sextrem)en Infoständen bis zur queerfeministischen Vorlesung«. Zudem herrsche eine Cancel Culture, in der »linke Interessensverbände« die Meinungsfreiheit einschränkten, und das ganze auch noch finanziert durch Studienbeiträge, die somit abgeschafft gehörten.
Zentrum der »Aktion451« ist Wien – nicht zufällig auch der Aktivitätsschwerpunkt der deutschsprachigen Identitären Bewegung. Alle öffentlich auftretenden Figuren der »Aktion451« sind zugleich Kader der Identitären. Die Einstufung als »Ableger« der IB, die zwischenzeitlich verbreitet wurde, greift dabei zu kurz: »Aktion451« ist die IB, es handelt sich um ein weiteres Label, auf das IB-AktivistInnen zugreifen, wie sie es zuvor auch mit anderen Labels getan haben. So wird eine weitere neue politische Marke geschaffen, ohne dass sich Inhalt, Struktur und Personal ändern.
Studium als Dystopie
Nach Angaben der »Aktion451«-Webseite gibt es derzeit Ortsgruppen in Wien, Graz, der Schweiz, Augsburg, Dresden, Erfurt, Jena, Leipzig, München, Schmalkalden und Stuttgart. Der Name leitet sich von Ray Bradburys Roman »Fahrenheit 451« ab, dessen Titel wiederum von der Temperatur inspiriert ist, bei der Papier – und damit auch ein Buch – zu brennen anfängt. Der Roman handelt in einer dystopischen Zukunft, in der der Besitz von Büchern verboten ist und repressiv verfolgt wird. Eine »Feuerwehr« spürt in der Erzählung Bücher auf und verbrennt sie an Ort und Stelle. Nur eine kleine, dissidente Gruppe bewahrt das Wissen aus den Büchern im Untergrund.
Der Bezug der »Aktion451« auf Bradburys Roman ist doppelt suggestiv: Einerseits inszeniert man sich als nonkonformistisch und dissident, als Bewahrer von Geheimwissen, dass die Mächtigen und Herrschenden unterdrücken möchten – als könne man Ernst Jünger und Konsorten nicht landauf, landab in jeder Dorfbibliothek ausleihen –, andererseits spielt man mit dem Topos der Bücherverbrennung: Die ausgekratzten Augen von Karl Marx und das lodernde Feuer, das sich in der Sonnenbrille spiegelt, legen unterschwellig nahe, dass sich die »Aktion451« nur zu gern selbst in der Rolle der Bücherverbrenner sehen würde. Der Feldzug gegen »Monotonie« und »Ideologieprojekte«, zu dem hier aufgerufen wird, ist letztlich nur denkbar als Zerstörung kritischer Wissensproduktion.
Die Aktiven der »Aktion451« haben offenbar ein Bild von Hochschulen, wonach dort in jedem Seminar ideologische Überwältigung betrieben wird, wenn nicht gleich die Revolution geplant wird. Fast könnte man meinen, eine solche wahnhafte Vorstellung sei lustig angesichts des stetig schwindenden Anteils kritischer Gesellschaftstheorien in Forschung und Lehre. Doch die Identitären haben bereits gezeigt, dass sie Universitäten zu Angsträumen für all jene machen wollen, die nicht in ihr Weltbild passen.
Das Beispiel Halle
Schon einmal drang die IB an einen Universitätscampus: Im Frühjahr 2017 eröffnete »Kontrakultur Halle« – wiederum eine Tarnmarke, hinter der sich die Hallenser IB-Ortsgruppe verbarg – ein Hausprojekt in der Adam-Kuckhoff-Straße in Halle (Saale), nur wenige Schritte vom Campus der Universität Halle-Wittenberg entfernt. An der Gründung des Projekts war auch der hessische AfD-Politiker Andreas Lichert beteiligt, weiterhin unterstützten der Verleger Götz Kubitschek und die ultrarechte Kampagnenorganisation »Ein Prozent« den Kauf und Betrieb des Hauses. Im Haus betrieb der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider ein Büro, Kubitscheks Verlag »Antaios« ebenso, und auch »Ein Prozent« mietete sich dort ein. Zudem wohnten IB-Mitglieder in dem Haus.
Schon nach wenigen Wochen kam es zu Bedrohungen gegenüber antifaschistisch eingestellten Studierenden. IB-Mitglieder lauerten ihnen in der Mensa auf, bedrohten und beschimpften sie. Im November 2017 kam es dann zum Gewaltexzess: Im Anschluss an eine Kundgebung gegen die Präsenz der NeofaschistInnen in Halle griffen zwei IB-Kader, mit Schutzhelmen, Schilden, Baseballschlägern und Pfefferspray ausgerüstet, zwei Personen an, von denen sie annahmen, es handele sich um Antifaschist*innen. Tatsächlich waren es Zivilpolizisten. Erst durch Ziehen ihrer Dienstwaffen konnten diese die identitären Angreifer abwehren. Kaum vorstellbar, wie diese Situation ausgegangen wäre, wenn es sich um arglose Passant*innen oder Antifaschist*innen gehandelt hätte. Es wäre wohl zu schwersten Verletzungen gekommen.
Ende 2019 wurde das Haus von den Identitären aufgegeben, womit die Raumnahmestrategie in direkter Nachbarschaft zum Universitätscampus ein vorläufiges Ende fand. Mit »Aktion451« tritt nun seit Ende 2025 erstmals wieder eine IB-Marke auf, die explizit auf die Intervention an der Hochschule abzielt.
Eine kleine Männerrunde
Am 5. März war es dann so weit: Das erste Treffen der »Aktion451« in Frankfurt fand statt. Zu dem »Kennenlerntreffen« war zuvor über Instagram eingeladen worden, die Bedingungen waren konspirativ. Erst nach Anmeldung würde der Ort mitgeteilt, hieß es auf Instagram. Der antifaschistischen Rechercheplattform Rhein-Main Rechtsaußen gelang es dennoch, den Ort zu identifizieren – und das Treffen zu dokumentieren. Demnach traf sich die Kleingruppe, ausschließlich Männer, in einer Sachsenhäuser Apfelweinwirtschaft.
Nach Informationen von Rhein-Main Rechtsaußen waren mindestens vier der Anwesenden zugleich Mitglieder der Frankfurt-Leipziger Burschenschaft Germania, mehrere waren zuvor in politischen Kontexten von AfD und IB aktiv gewesen. Dabei waren auch zwei Männer, die sich für die AfD bereits zu Wahlen aufstellen lassen haben: Manuel Wurm, der bis 2026 AfD-Stadtverordneter in Offenbach war, sowie Thomas Janeczek, der ebenfalls in Offenbach am 15. März bei den Kommunalwahlen auf der Liste der AfD kandidierte. Zwei AfD-Kandidaten also bei der IB-Hochschulgruppe.
Es war nicht das erste Mal, dass Wurm und Janeczek gemeinsam im Kontext der Identitären Bewegung auffielen. So machten sie sich, begleitet von drei weiteren hessischen AfD-Nachwuchspolitikern, im Juli 2024 auf den Weg nach Wien, um an der dortigen Sommerdemonstration der »Identitären Bewegung« teilzunehmen. Fotos von der Demonstration zeigen Janeczek und Wurm, letzterer im Shirt der ehemaligen AfD-Jugendorganisation »Junge Alternative«, auf der Auftaktkundgebung.
Umstrittene Vereinbarkeit
Das Problem: Die »Identitäre Bewegung« steht auf der Unvereinbarkeitsliste der AfD. Auf dieser werden verschiedene Organisationen für unvereinbar mit den Zielen der Partei erklärt, Doppelmitgliedschaften sind verboten und AfD-Mitglieder sind angehalten, sich von diesen Gruppierungen fernzuhalten. Die Liste hat eine ganz praktische Bedeutung für die AfD, denn sie dient zur Selbstverhamlosung und als Verweis auf die eigene Abgrenzung gegenüber klar neonazistischen Bestrebungen. Gebetsmühlenartig wiederholen AfD-Funktionäre, man sei »konservativ« oder »rechts«, aber habe mit Rechtsextremen nichts zu tun. Noch die Bedeutung der Unvereinbarkeitserklärung geht noch weiter: Sie öffnet Möglichkeitsräume für Kooperationen mit anderen Parteien, wie der CDU, der FDP, oder den Freien Wählern. Dort mehren sich die Stimmen, die für ein Ende der »Brandmauer« plädieren, und mithilfe der Unvereinbarkeitsliste kann die AfD sich selbst verharmlosen und die anderen Parteien zu Gesprächen bitten. Rechtsextrem sei man ja schließlich nicht, vielmehr grenze man sich ab.
Eine dritte Bedeutung der Unvereinbarkeitsliste ist aber wohl die wichtigste: In mehreren Bundesländern, auch in Hessen, klagt die AfD gegen die Einschätzungen der Inlandsgeheimdienste, wonach die AfD »rechtsextremistisch« sei. Und dafür benötigt sie Belege der Abgrenzung nach rechtsaußen. Diese sind rar. Das weiß auch die AfD, weshalb sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Unvereinbarkeitsliste zückt.
Funktionäre der Parteijugend
Zurück zur Frankfurter »Aktion451«: Nicht nur waren Wurm und Janeczek – der beim Kennenlernabend nach Informationen von Rhein-Main Rechtsaußen als Organisator auftrat und den Tisch reserviert hatte – bereits als AfD-Kandidaten Teil des politischen Lebens – vielmehr hatten sie auch schon Parteiämter inne. Wurm war bis 2023 Teil des Vorstands der hessischen Jungen Alternative (JA), der ehemaligen Parteijugend, die sich auflöste, weil sie zu rechts wurde und von der Partei kaum kontrolliert wurde. Auch im JA-Bundesvorstand war Wurm zeitweise. Janeczek wiederum wurde erst gut zwei Wochen nach dem »Aktion451«-Kennenlernabend in ein Parteiamt gewählt: Bei der Neugründung des hessischen Landesverbands der Generation Deutschland (GD) am 28. März in Fulda wurde er zum Schatzmeister bestimmt. Bei der GD handelt es sich um den neuen AfD-Jugendverband und damit den Nachfolger der JA.
Kurz nach den Wahlen berichteten die Frankfurter Rundschau und die taz übereinstimmend über Janeczeks Aktivitäten im Kreise der »Identitären Bewegung«. Die AfD verschickte daraufhin ein Rundschreiben an ihre Mitglieder mit dem Aufruf, sich von Veranstaltungen der »Aktion451« fernzuhalten. Echte Abgrenzung oder nur Fassade angesichts des zu diesem Zeitpunkt noch laufenden Gerichtsverfahrens gegen das hessische Landesamt für Verfassungsschutz wegen dessen Einstufung der AfD als »rechtsextremistisch«? Da Wurm und Janeczek weiterhin in ihren Ämtern sind und dort unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen, scheint wohl eher Letzteres der Fall zu sein. Dennoch gab es erhitzte Gemüter. In der neofaschistischen Szene wurde sich darüber echauffiert, dass die hessische AfD auf Distanz zur »Aktion451« ging. Auch zahlreiche AfD-Politiker meldeten sich zu Wort und solidarisierten sich mit der »Aktion451«. Der Unvereinbarkeitsbeschluss spielt wohl kaum eine Rolle mehr.
Alles wie immer?
Was ist nun die Nachricht? Rechtsextreme, die in einer rechtsextremen Vereinigung sind – die AfD ist nicht nur nach Einschätzung von Politikwissenschaftler*innen extrem rechts, sondern seit Juni 2026 auch nach Ansicht des Wiesbadener Verwaltungsgerichts, das eine entsprechende Einstufung des Inlandsgeheimdienstes bestätigte –, sind eben auch in anderen rechtsextremen Vereinigungen – wie der Identitären Bewegung oder ihrem Label »Aktion451« –, und tun dort rechtsextreme Dinge. Eine solche Nachricht hat kaum mehr Skandal- oder Neuigkeitswert, fast jeden Tag recherchieren Journalist*innen derartige Verbindungen. Den Aufstieg der AfD vermag es bislang allerdings nicht aufzuhalten.
Dennoch gilt es auch an der Hochschule, genau hinzuschauen, wenn sich extrem rechte Kräfte dort breitmachen und versuchen, ihre neofaschistische Ideologie zu verbreiten. Wer keine gewalttätigen Übergriffe durch Neonazis auf dem Uni-Campus will, muss dafür sorgen, dass Rechtsextreme dort mit ihrer Raumnahmestrategie scheitern. Insbesondere das neofaschistische Milieu um AfD, GD und IB versuchen, unter jungen Menschen Einfluss zu gewinnen. Glücklicherweise liegt die »Aktion451« mit ihrem Bild vom Studium falsch: Langeweile und Monotonie gibt es zwar, aber sicher nicht wegen zu vieler linker Inhalte.