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Eine Überwachungskamera filmt einen Lesenden

Ein Interview mit Fedor Renje von der Karl Marx Buchhandlung

Die Karl Marx Buchhandlung gewann in diesem Jahr zum vierten Mal den Deutschen Buchhandlungspreis. Doch die Preisvergabe wurde von einem Skandal überschattet: Drei von einer Fachjury ausgewählte Buchhandlungen wurden basierend auf einer Verfassungsschutzabfrage schließlich durch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer von der Auszeichnung ausgeschlossen. Zugleich gerieten weitere unabhängige linke Buchhandlungen ins Visier rechter Medien. Über den Deutschen Buchhandlungspreis, Angriffe auf kritische Öffentlichkeit und die Bedeutung unabhängiger Kulturorte sprachen wir mit Fedor Renje von der Karl Marx Buchhandlung.

Zehrt der ganze Trubel? 

Als Buchhändler*innen sind wir es nicht gewöhnt, so im Mittelpunkt zu stehen und uns so viel mit uns selbst zu beschäftigen. Im Buchhandelswesen war deshalb sehr viel Aufruhr, gerade wegen der Art und Weise, wie der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer damit umgegangen ist, und wegen den Implikationen. Wir haben im Laden mitbekommen, dass das auch weitere Kreise gezogen hat – sowohl das mit dem Buchhandlungspreis als auch später die Kleine Anfrage der AfD. Wir haben sehr viel Solidarität erfahren.

Wir gehen gleich noch ins Detail. 

Wir haben uns auch gefragt, wie wir uns das aufteilen und wie präsent wir sein wollen. Zum einen möchte wir uns nicht permanent wiederholen, zum anderen keine reine Nabelschau betreiben. Was mit dem Deutschen Buchhandlungspreis und jetzt mit den AfD-Anfragen passiert, ist nicht vollkommen zufällig: Wir sehen eine größere gesellschaftliche Entwicklung. Darauf Antworten zu finden, braucht Zeit. Wir haben uns direkt von Anfang an mit den anderen unabhängigen Buchhandlungen in Frankfurt vernetzt – mit Land in Sicht und der Autorenbuchhandlung Marx & Co – und entschlossen, mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen

Natürlich zehrt das so ein bisschen. Wir versuchen dabei immer, den Kontext herzustellen: Es ist ein wesentlich breiterer Angriff auf das, was man kritische Öffentlichkeit nennen könnte. Die Kürzungen beim Programm »Demokratie leben!«, zeigen, dass wichtige Infrastruktur, die Leute mit Informationen und Ausdrucksmöglichkeiten versorgt, zunehmend unter Beschuss gerät. Immer mehr wird dem öffentlichen Raum entzogen und findet nur noch im Privaten statt. 

Was bedeutet die 55-jährige Geschichte der Karl Marx Buchhandlung für euch?

Die Buchhandlung wurde 1971 gegründet, mit dem spezifischen Ziel, die Studierendenschaft und alle Interessierten mit linker Literatur zu versorgen, die damals nicht immer verfügbar war. An dem Namen halten wir fest, weil er für uns steht, und wir auch zu ihm. Gleichzeitig möchten wir dieser Post-68-Geschichte nicht zu viel Gewicht geben. Unsere Perspektive ist eher: Was sind die aktuellen Entwicklungen? Wir wollen kein 68er-Traditionsverein werden.

Was schon bei der Gründung relevant war – eine kritische, linke Perspektive zu vertreten, im Sortiment zu haben und damit Leuten zugänglich zu machen –, daran halten wir weiterhin fest. Auch wenn wir nicht mehr nur eine politische Buchhandlung sind, nicht mehr nur eine Universitätsbuchhandlung, sondern inzwischen auch eine Stadtteilbuchhandlung. Und da fällt uns auf: Auch die Leute, die hier wohnen und bei uns einkaufen, beschäftigen sich mit den gleichen Entwicklungen, wie der Wohnungsfrage in Frankfurt und steigenden Lebenshaltungskosten. Das drückt sich auch im Kaufverhalten aus.

Wir würden es für falsch halten, eine Dichotomie aufzumachen zwischen »linker Buchhandlung« und »normaler Buchhandlung«. Unser Anspruch ist, emanzipatorischen Stimmen Raum zu geben. Und das ist, wie wir feststellen, von dem, was die Leute im Alltag interessiert, gar nicht so weit entfernt. 

Ihr habt den Buchhandlungspreis gewonnen und euch mit den Ausgeschlossenen solidarisiert. Wie lief die Solidarisierung in der Buchhandlungsbranche ab?

Nachdem die Information rauskam, dass drei Buchhandlungen, die von der Jury aufgrund fachlicher Kriterien ausgewählt wurden, dann von Weimer vom Preis ausgeschlossen wurden, gab es von unterschiedlichen kleinen, unabhängigen Buchhandlungen Anfragen. Zunächst war das ein diffuser Versuch, sich miteinander in Verbindung zu setzen. Sehr schnell konkretisierte sich das in einer Solidaritätsaktion über den Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Spenden von unabhängigen Buchhandlungen sollten den drei ausgeschlossenen das Preisgeld ersetzen. Als unabhängige Buchhandlung arbeitet man immer an der Grenze zur Prekarität – hier im Laden, auch bei anderen unabhängigen Buchhandlungen, wird niemand reich. Deshalb ist dieser Preis so wichtig, und deshalb auch der Versuch der Kompensation der Preisgelder durch die Spenden.

Gleichzeitig gab es verschiedene Initiativen, die sagten, man solle sich mehr vernetzen. Wir haben das mit der Autorenbuchhandlung und Land in Sicht so gelöst, dass wir einen regelmäßigen Austausch etabliert haben – sowohl im Kontext des Buchhandlungspreises als auch zu den Formen rechter Angriffe und dem Umgang damit. Zugleich gibt es den Versuch, das bestehende Netzwerk »Kommbuch« wieder zu stärken, in dem auch Buchhandlungen aus anderen Städten aktiv sind, die alle eine ähnliche Geschichte haben: kollektiv geführt, aus linken Zusammenhängen entstanden. 

Wie sieht die finanzielle Situation von unabhängigen Buchhandlungen aus?

Der Buchhandlungspreis entstand, weil man erkannt hat, dass unabhängige Buchhandlungen prekär arbeiten, aber ein zentraler Aspekt von Kulturbeteiligung sind. Das gilt nicht nur für uns als linke Buchhandlung. Man muss sich anschauen, welche Buchhandlungen ausgezeichnet wurden: Sehr viele sind in ländlichen Regionen, viele in Ostdeutschland, wo sie oft die letzten Kulturstätten in einer größeren Umgebung sind. Das Preisgeld finanziert Umbauten, wie eine rollstuhlgerechte Rampe, oder deckt Kosten für Veranstaltungen. Es ist ein offenes Geheimnis: Man arbeitet nicht immer lukrativ, ist aber für die Leute vor Ort da.

Generell merken wir schon seit einer Weile, dass Bestellungen von öffentlichen Einrichtungen, Vereinen und Initiativen zurückgehen, weil die finanziellen Mittel fehlen. Auch Seminare zu kritischer Theorie werden weniger. Das heißt: In unabhängigen Buchhandlungen gibt es an vielen Stellen Gesprächsbedarf darüber, wie relevant wir für die Gesellschaft noch sind. Das mit dem Buchhandlungspreis kam jetzt hinzu. Es war ein konkreter Anlass, über diese abstrakten Bedenken in Gespräch zu kommen.

Wie ordnet ihr Weimers Entscheidung ein?

Natürlich wird man das Gefühl nicht los, dass über staatlich vergebene Preise eine Form von – hart ausgedrückt – Kulturkampf stattfindet. Dass sich in einem solchen Klima ein gesellschaftlicher Konsens nach rechts verschiebt, ist nicht überraschend und hat explizit das Ziel, die Bundesrepublik konservativer zu gestalten.

Gleichzeitig ist interessant, dass das sogenannte Haber-Verfahren angewandt wurde: Was dabei herausgefunden wird, ist lediglich, ob gegen eine Person oder Institution verfassungsschutzrelevante Informationen vorliegen, nicht welche. Es gibt keine inhaltliche Dimension, nur: Ja, der Verfassungsschutz hat irgendwann mal reingeschaut. Das ist ein seltsamer Verwaltungsakt, dem man nicht einmal inhaltlich entgegenwirken kann. Das wäre ja eine politische Auseinandersetzung. Stattdessen wird eine dezidiert politische Entscheidung direkt entpolitisiert: »Wir können niemanden auszeichnen, der gegen unseren Staat ist« – verifiziert durch eine geheime Verfassungsschutzakte. 

Um politische Einmischung auszuschließen, gibt es eigentlich die unabhängige Jury – Leute vom Fach, Literaturkritiker*innen, Menschen, die wissen, wie unabhängige Buchhandlungen arbeiten. Jetzt, wissend, dass ein Haber-Verfahren vielleicht zum Standard werden könnte, bekommt das eine andere Dimension. Auf einmal fragt man sich nicht nur: Was tun wir, um im Stadtteil präsent zu sein? Sondern auch: Könnte uns daraus ein Strick gedreht werden? Das ist eine Form von Selbstzensur, die potenziell bereits im Vorfeld einsetzt.

Hat der Buchhandlungspreis in dieser Form noch eine Zukunft?

Die eigentliche Frage ist: Ist überhaupt der politische Wille da, unabhängige Buchhandlungen weiter zu fördern? Und andererseits: Wollen Buchhandlungen sich überhaupt noch bewerben, wenn sie damit zustimmen, durchleuchtet zu werden? 

Wir waren bei der Verleihung des Preises während der Leipziger Buchmesse vor Ort. Man hat sich aus Solidaritätsgefühl mit den drei Buchhandlungen fast ein bisschen geschämt, dass wir den Preis bekommen. Es kamen auch Witze von der Kundschaft: ob wir vielleicht ein bisschen handzahm geworden seien. Die Reputation des Preises hat massiv gelitten. Und auch wenn man sich jetzt vorstellt, wie Kulturstaatspreise künftig nur noch nach Verfassungsschutzüberprüfung vergeben werden, während gleichzeitig gefragt wird, ob bestimmte Äußerungen noch zulässig sind, dann geht das an die Substanz. 

Es gab auch eine Kleine Anfrage der AfD zu unter anderem der Karl Marx Buchhandlung. Das Bundesinnenministerium antwortete, keine der Buchhandlungen stehe im Verfassungsschutzbericht, fügte aber hinzu, Weiteres könne »aus Gründen des Staatswohls« nicht gesagt werden. 

Wir haben vom Börsenblatt, der Zeitschrift des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, die Information bekommen. Sie hatten eine Aktuelle Stunde im Bundestag zum Buchhandlungspreis verfolgt. Der kulturpolitische Sprecher der AfD hatte aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage zitiert. Diese Anfrage enthielt, neben großem Applaus darüber, dass man die Linken endlich rausgeschmissen habe, auch vier namentlich genannte Buchhandlungen, die den Preis bekommen haben und die man für suspekt hält. Darunter auch wir. 

Diese vier Buchhandlungen scheinen kein Zufall gewesen zu sein: Vorher hatten Portale wie Nius und die Junge Freiheit »Porträts« über diese Buchhandlungen veröffentlicht. Wir wurden als orthodoxe Marxisten beschrieben, die BiBaBuZe in Düsseldorf angeblich als Buchhandlung, die Kinder zu Gewalttaten erziehe. Bei der Buchhandlung Rote Straße in Göttingen waren die »Porträts« so detailreich, dass Personen zwar nicht namentlich benannt, aber charakterlich und körperlich beschrieben wurden. Die Wirkungsweise ist klar: Das rechte Mediennetzwerk macht die Artikel, die AfD agiert als politischer Arm in den Parlamenten. Das Ergebnis war eine Antwort des Bundesinnenministeriums, die im Kern sagte: Die Buchhandlungen werden nicht überwacht, es gibt keine verfassungsschutzrelevanten Informationen. Aber dann kam der Standardsatz: »Man möchte aus Gründen des Staatswohls nicht weiter darauf eingehen«. Das sind absolute Standardformulierungen in Anfragen zu Verfassungsschutzthemen. Die AfD hat einfach den informativen Teil weggelassen und nur den Standardteil genommen. Der suggeriert: Das Staatswohl ist gefährdet, wir können nicht alles sagen. Es ist keine Information darin enthalten, aber es entsteht der Anschein, da könnte etwas sein. 

Wie seid ihr damit umgegangen?

Wir sind ein öffentlicher Ort. Alles, was wir machen, alles, wofür wir stehen, kann jeder in fünf Minuten sehen, wenn er reinkommt und sich umschaut. Es gibt keine verdeckte Agenda. Wir machen Veranstaltungen, wir suchen Öffentlichkeit. Und auf der anderen Seite hat man ein Gegenbild aus der rechten Presse, das uns als klandestinen Haufen darstellt, der kurz vor dem Staatsstreich steht. Das hat etwas so absurdes, das man gar nicht weiß, wie man darauf reagieren soll.

Du hattest bereits angesprochen, dass eine solche gesellschaftliche Konstellation auch Formen der Selbstzensur hervorbringen kann. Was sind Gegenstrategien?

Als Gegenstrategie sehen wir die Vernetzung – nicht nur mit anderen Buchhandlungen, sondern auch mit dem, was NGOs und andere zivilgesellschaftliche Organisationen über diese Formen rechter Angriffe schon länger wissen. Der Verbrecher Verlag sah sich im Kontext des Deutschen Verlagspreises einer ähnlichen rechten Kampagne ausgesetzt. Die Amadeu Antonio Stiftung kann ein Lied davon singen. Die Arbeit, die sie machen, ist öffentlich einsehbar – trotzdem hat sich das Bild verfestigt, dass sie überall ihre Hände mit im Spiel hat. Von diesen Erfahrungen zu lernen und den Austausch zu suchen, ist ein wichtiger Schritt, um rechten Angriffen gemeinsam und informierter begegnen zu können.

Was können wir – als kritische Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft – von dem Skandal um den Deutschen Buchhandlungspreis lernen?

Was ich ganz deutlich mitbekommen habe: Es gibt Gesprächsbedarf. Und damit meine ich nicht einfach, dass Leute reden wollen. Ich meine, dass Menschen, von denen ich überrascht war, eine sehr klare Perspektive darauf haben, was gerade passiert und was das bedeuten kann. Aber dieser Blick ist im Arbeits- und Alltagsleben so atomisiert und individualisiert, dass er sich selten wirklich Bahn bricht. Buchhandlungen sind konkrete Orte. Unsere Kund*innen kommen teils jede Woche bei uns vorbei, und auf einmal ist da dieser Trubel. Das animiert Menschen zu sagen: Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. 

Ich glaube, dass bei Themen wie beispielsweise der Wohnungsfrage ähnliche niedrigschwellige Anlässe nötig sind, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Solidarisierungen zu ermöglichen. Das ist kein Aufruf, Theorie aufzugeben und Politik nur noch über unmittelbare Interessen zu machen. Aber die Lebenshaltungskosten steigen, die Miete verschlingt oft mehr als die Hälfte des Einkommens. Wenn man an diese konkreten Problemlagen anknüpft, kann man die Vermittlung von Theorie und Praxis schaffen. Dafür braucht es Anlässe, auf die sich Menschen beziehen können. Und man darf solche Gelegenheiten nicht verstreichen lassen. Wenn so etwas passiert, muss man den Moment nutzen. 

Und wir müssen uns nicht vor den Rechten rechtfertigen. Wir sind nicht überrascht, dass uns die AfD nicht mag. Ganz im Gegenteil: Das bedeutet, wir haben sehr viel richtig gemacht.

Fedor Renje ist seit 2021 Teil der kollektiv geführten Karl Marx Buchhandlung.