Die Anatomie der Destruktivität
Zur Aktualisierung der Faschismustheorie in der Krise des Spätkapitalismus
Der Faschismus ist keine historische Fußnote, sondern das immanente Schreckgespenst des bürgerlichen Liberalismus selbst. Wenn der kapitalistische Verwertungszwang an seine ökologischen und sozialen Schranken stößt, schlägt die bürgerliche Freiheit regelmäßig in autoritäre Barbarei um. Max Horkheimer formulierte einst das eherne Diktum der klassischen Kritischen Theorie: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.« In einer Gegenwart, die von planetarischen Krisen, digitaler Entfremdung und dem globalen Aufstieg extrem rechter Bewegungen gezeichnet ist, gewinnt dieser Satz eine furchtbare Aktualität. So ist es kaum verwunderlich, dass der Faschismusbegriff seit einigen Jahren wieder ins Zentrum der Debatte um gesellschaftliche Krisenverhältnisse gerückt ist. Vier aktuelle Publikationen versuchen, die Konturen dieses gegenwärtigen Rechtsrucks zu vermessen.
Um die Gegenwart zu begreifen, hilft ein Blick zurück auf die methodischen Schlachten der Linken. Der von Morten Paul herausgegebene Sammelband Was war Faschismustheorie? (Verbrecher Verlag) wirft die fundamentale Frage auf, warum das über hundertjährige Nachdenken über den Faschismus dessen Wiederkehr nicht verhindern konnte. Der Band ist ein intellektueller Gewinn, denn er versteht sich explizit als kritische Bestandsaufnahme, die anstelle einer hastigen Neudeutung die Brüche, Kontroversen und vergessenen Einsichten der Vergangenheit offenlegen möchte. Dabei zeigt er eindringlich, dass Faschismustheorie nie bloß graue Theorie war, sondern der verzweifelte Versuch, das Verhältnis von Verstehen und Verhindern dialektisch zu bestimmen. Schließlich kam es historisch simultan zum Erscheinen des Faschismus und zum Versuch, ihn zu verstehen: Der Faschismus traf die traditionelle Arbeiterbewegung als jäher, katastrophaler Schock, der die lineare Fortschrittserzählung des Vulgärmarxismus zertrümmerte; statt der erwarteten Revolution folgte die Konterrevolution. Wie tief dieser Bruch sitzt, entfaltet Fernando Esposito in seinem Beitrag »Faschismustheorie und Modernekritik«. Er rekonstruiert, wie sich der theoretische Fragehorizont nach 1989 verschob: Mit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus und der Krise der klassischen Kapitalismuskritik trat die »Moderne« an die Stelle des Kapitalismus. Aus Horkheimers Diktum wurde im akademischen Diskurs implizit die Maxime: »Wer aber von der Moderne nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen«. Esposito zeigt über das Erbe der Dialektik der Aufklärung und Zygmunt Baumans Dialektik der Ordnung auf, dass der Zivilisationsbruch kein Rückfall in prämoderne Barbarei war, sondern ein legitimer, wenn auch furchtbarer Bewohner im Haus der Moderne selbst. Doch der Band belässt es nicht bei dieser Diagnose. Durch die Beiträge von Mona Leinung – die den digitalen Faschismus via Adorno und McLuhan seziert – oder Francesca Raimondi über das Mythische bei Adorno wird die Faschismustheorie als literarisches und mediales Phänomen greifbar, das sich im Spannungsfeld von »Verstehen und Verhindern« bewegt. Pauls Band beweist: Um das gegenwärtige Grauen begrifflich zu fassen, müssen wir die Transformationen dieser Theoriegattung materialistisch rekonstruieren, statt sie als bloß akademische Historie abzutun.
Einen Schritt weiter in der theoretischen Aktualisierung geht Eva von Redecker mit ihrem Essay Dieser Drang nach Härte (S. Fischer). Sie verweigert sich der liberalen Illusion, den Faschismus als bloßen Betriebsunfall einer ansonsten intakten Demokratie zu betrachten. Stattdessen seziert sie das innere Band zwischen Eigentumsform und autoritärer Mobilisierung. Der neue Faschismus entsteht für von Redecker aus einem wütenden Besitzdenken, das sie als »liquidierende Phantombesitzverteidigung« beschreibt. Subjekte, die im Spätkapitalismus real ohnmächtig geworden sind, klammern sich an imaginäre Ansprüche – sei es toxische Männlichkeit, rassistische Selbstjustiz oder das Bestehen auf fossilen Privilegien. Hier blitzt Walter Benjamins These auf, dass der Faschismus seine Chance darin sieht, die Massen zu ihrem Ausdruck, keineswegs aber zu ihrem Recht kommen zu lassen. Von Redecker zeigt auf, dass der bürgerliche Begriff des Eigentums, der auf absoluter Sachherrschaft basiert, den Boden für die faschistische Fantasie bereitet. Es geht um den »faschistischen Kern fortgesetzter fossiler und biodiversitätsfeindlicher Wirtschaft«. Da der Kapitalismus in der ökologischen Katastrophe die Zukunft versperrt, schlägt das System in die bloße Verwaltung der Zerstörung um. Faschismus wird so zu einer pervertierten Form von Ernst Blochs »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« – er schlägt aus dem Verschwinden von Zukunftshorizonten reaktionären Profit. Ihr Text entlarvt die aktuelle antifaschistische Praxis der bürgerlichen Mitte: Wer sich im Kampf gegen rechts mit dem Neoliberalismus versöhnt, verteidigt nur die Ordnung, die den Faschismus unweigerlich hervorbringt.
Hier schlägt die Stunde des Freudomarxismus, denn die ökonomische Basis allein erklärt noch nicht die psychische Anziehungskraft der Barbarei. Dagmar Herzogs Untersuchung Der neue faschistische Körper (Wirklichkeit Books) schließt direkt an die Klassiker der psychoanalytischen Sozialpsychologie an – an Wilhelm Reichs Massenpsychologie des Faschismus, Erich Fromms Analysen zum autoritären Charakter und Klaus Theweleits Männerphantasien. Herzog begreift den Faschismus nicht als rein negatives, repressives Projekt. Er funktioniert nicht nur über Angst und Verbote, sondern über das fundamentale Versprechen von Lust, Macht und libidinöser Intensivierung. Sie prägt dafür den Begriff des »sexy racism«. Der Faschismus will die Triebe nicht einfach unterdrücken, sondern er befreit sie für die Eigengruppe, indem er die sadistische Abwertung und Zerstörung der Anderen erlaubt. Herzog verknüpft diese Erotisierung des Politischen mit dem Hang zur obsessiven Behindertenfeindlichkeit, dem sie bereits in ihrem vorigen Buch Eugenische Phantasmen nachgegangen war. Der »imperfekte«, kranke oder migrantische Körper wird zur Projektionsfläche für die eigene, verdrängte Schwäche. Das ist der faschistische Charakter bei der Arbeit: Die eigene Kastrationsangst und die Ohnmacht gegenüber dem Kapital werden in sadistische Lust an der Ausgrenzung transformiert. Erschreckend präzise weist Herzog nach, wie anschlussfähig diese Triebstruktur in den vermeintlich aufgeklärten Debatten der bürgerlichen Mitte bleibt.
Diese psychische Verfassung korrespondiert mit einer epistemischen Krise, die Mark Terkessidis in Gewalt am Denken. Wann beginnt Faschismus? (Matthes & Seitz Berlin) seziert. Terkessidis nähert sich dem Problem von der kulturkritischen Seite und warnt vor einem schleichenden »Verlust von Sinn und Begriff«. Dieser Verlust ist die mentale Voraussetzung dafür, dass faschistische Denkmuster wieder mehrheitsfähig werden. Im Sinne von Theodor W. Adornos Begriff der »Halbbildung« beschreibt Terkessidis, wie das spätkapitalistische Subjekt mit Informationen überflutet, aber unfähig wird, diese zu einer kritischen Totalität zusammenzufügen. Die Antwort darauf ist eine grassierende, radikale Nostalgie. Das Besondere an seiner Analyse ist die Dialektik: Er verortet den autoritären Modus des Denkens keineswegs nur am rechten Rand. Er beschreibt ein neues politisches Kontinuum der »gefährdeten Gemeinschaft«. Auch im moralischen Konsumismus der liberalen Mitte und in manch Identitätspolitik erkennt er autoritäre Züge – dabei neigt er dazu, Debatten innerhalb der Linken zu überschätzen und allzu schablonenartig vorzugehen. Richtig bleibt jedoch: Wo die Selbstdarstellung des Egos wichtiger wird als die materialistische Analyse der Verhältnisse, triumphiert die bloße Inszenierung über die Wahrheit. Insgesamt also durchaus eine treffende Diagnose des beschädigten Lebens im digitalisierten Spätkapitalismus, in dem die Zerstörung des kritischen Denkens der Barbarei den Weg ebnet – die jedoch die Frage nach alternativen Sinnangeboten offenlässt.
In der Synthese dieser vier Werke zeigt sich das Gesamtbild unserer Epoche. Der Faschismus ist kein Fremdkörper der Moderne, sondern ihr immanentes Produkt. Der von Morten Paul herausgegebene Band liefert das historische Koordinatensystem und mahnt, dass jede Praxis ohne Theorie blind bleibt. Eva von Redecker zeigt uns den ökonomisch-ökologischen Motor: Der sterbende Kapitalismus krallt sich an sein Eigentum und wird zum Todeskult. Dagmar Herzog füllt diese Struktur mit psychologischem Gehalt, indem sie die libidinöse Ökonomie des sadistischen Genusses freilegt. Und Mark Terkessidis beschreibt die Zurichtung des Bewusstseins, die das Subjekt unfähig macht, diesen Verblendungszusammenhang zu durchbrechen.
Für alle diejenigen, die sich antiautoritär und antifaschistisch verorten, lässt sich folgern: Wer den Faschismus wirksam bekämpfen will, darf das Bestehende nicht verteidigen, sondern muss auf dessen Aufhebung hinarbeiten. Die Zerschlagung des faschistischen Potentials erfordert die Abschaffung der bürgerlichen Eigentumsordnung, die Überwindung des Staatsfetischismus und die Befreiung des menschlichen Begehrens aus den Fesseln der Verwertung.