Der Campus als Angstort: Rechtsextreme Morddrohungen gegen Marburger Professorin
Welche Folgen hat es, wenn Rechte sich auf dem Campus zu sicher fühlen? Ein Fall aus Marburg zeigt eindrücklich, warum auch an den Hochschulen eine klare Kante gegen Rechts immer wichtiger wird
Die Marburger Historikerin Christina Brüning sieht sich seit Monaten massiven, vor allem rechtsextrem motivierten Anfeindungen und Morddrohungen ausgesetzt. Die 45-jährige Professorin für Didaktik der Geschichte, deren Forschungsschwerpunkte unter anderem in der Erforschung von NS-Geschichte, Holocaust und Antisemitismus sowie dem Unterrichten dieser Themenfelder liegen, machte dies im Juni 2026 öffentlich. Ihre Schilderungen werfen ein Schlaglicht auf eine besorgniserregende Entwicklung an deutschen Hochschulen: Hier gelingt es Rechtsextremen, den demokratischen Diskurs durch ein Klima der Einschüchterung anzugreifen.
Die Eskalation an der Marburger Philipps-Universität kam nicht über Nacht. Wie Brüning in einem Interview mit der Hessenschau berichtete, ging den akuten Drohungen die systematische Störung ihrer Lehrveranstaltungen voraus. Dabei kam es zu aggressiven Zwischenrufen, dem bewussten Boykottieren von Arbeitsaufträgen zu Rassismuskritik sowie antifeministischen Reflexen männlicher Studenten, sobald die Dozentin sprachlich genderte. Im Dezember 2025 erreichte die Aggression eine neue Stufe, als an Universitätswänden zwei konkrete Mordaufrufe gegen sie entdeckt wurden. Mitte Mai folgte zudem eine antisemitische Schmiererei, die mit einem Pro-Palästina-Aufruf verbunden war.
Für die Betroffene hat dies drastische Konsequenzen im Alltag. Gegenüber der Hessenschau offenbart Brüning die psychische Belastung und zog ein bitteres Fazit: »Marburg ist für mich mittlerweile ein Angstort geworden.« Die Konsequenz ist ein weitgehender Rückzug aus dem universitären Leben; Brüning arbeitet nun fast ausschließlich im Homeoffice. In Absprache mit der Universitätsleitung wurden Namensschilder an Bürotüren entfernt und ganze Arbeitsgruppen in andere Räumlichkeiten verlegt, um potenzielle Angreifer ins Leere laufen zu lassen. Der Staatsschutz des Polizeipräsidiums Mittelhessen stellte die Ermittlungen zu den Schmierereien zunächst ergebnislos ein – was bei der Wissenschaftlerin das Gefühl verstärkte, mit den Bedrohungen alleingelassen zu werden. Erst nach der öffentlichen Aufmerksamkeit durch den Bericht der Hessenschau im Juni wurden die Ermittlungen reaktiviert.
Der Fall Brüning ist jedoch kein isoliertes Phänomen, sondern symptomatisch für einen gezielten Kulturkampf von rechts gegen jede progressive, diskriminierungskritische Wissenschaft. Wenn nun Lehrende aus Angst Vorlesungen meiden oder über Frühpensionierung nachdenken, steht die Wissenschaftsfreiheit auf dem Spiel – das notorisch rechte »Netzwerk Wissenschaftsfreiheit«, das vorgibt, diese verteidigen zu wollen, und überall woke Cancel Culture am Werk sieht, hat sich übrigens nicht zu Wort gemeldet.
Die akademische und gewerkschaftliche Solidarität ließ nach Brünings Gang an die Öffentlichkeit glücklicherweise nicht lange auf sich warten. Die GEW Hessen verurteilte die Vorfälle scharf. Die Gewerkschaft erklärte: »Die Einschüchterung und die Drohungen von rechts nehmen zu. Wir fordern von Land und Bund, dass sie Programme gegen Rechtsextremismus stärken.« Zudem betont die GEW, wie unverzichtbar Zivilcourage auch an der Hochschule ist: »Es braucht diesen Mut, für wissenschaftliche Erkenntnis und demokratische Haltung öffentlich einzutreten und gegen Rechtsextremismus, Autoritarismus und Faschismus Stellung zu beziehen. Frau Brüning ist nicht allein.«
Auch die hessische Landespolitik reagierte. Der Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) verurteilte die Angriffe und sicherte der Historikerin Unterstützung zu. Am Fachbereich für Geschichte in Marburg wurde zudem eine »Roadmap gegen rechtes Gedankengut« ausgearbeitet. Damit solche Maßnahmenpakete aber Wirkung zeigen, muss von allen beteiligten Akteuren – auch der Politik – die Rolle der Hochschulen als Schutzräume demokratischer Pluralität ernstgenommen werden. Der Fall Christina Brüning sollte daher ein unüberhörbarer Weckruf sein: Die Verteidigung der freien Wissenschaft duldet keinen Aufschub und keine bürokratische Zurückhaltung mehr. Die Hochschulen müssen sich offen gegen die faschistische Gefahr positionieren.