Liminal Spaces
und die Meta-Gentrifizierung der Wahrnehmung
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Mit buy-to-leave-Gentrifizierung wird ein Phänomen bezeichnet, bei dem Investoren Immobilien in einer Stadt bauen oder kaufen, um diese dann als Anlageobjekte einfach leer stehen zu lassen1. Da es sich um eine passive Wertanlage handelt, die im günstigsten Moment wieder gewinnbringend verkauft werden soll, stünde die tatsächliche Nutzung der Gebäude, in diesem Sinne ihrer Verwertung in Wege. Mit einem hohen Leerstand von Büroräumen, aber auch veralteter Wohninfrastruktur, reiht sich auch Frankfurt unter die von diesem Problem betroffenen Städte ein, gegen das jüngst in Hessen sogar ein Gesetz beschlossen wurde2.
Schon der klassischen Form der Gentrifizierung wohnt bereits die Tendenz inne, lebendige Nachbarschaften in sterile Abziehbilder ihrer selbst zu verwandeln. Jedoch findet sie ihren Zweck noch in der menschlichen Nutzung dieser Räume. Das ist bei diesem neueren Phänomen nicht mehr der Fall. Wie in einem Videospiel, scheinen die Hausfassaden in solchen Teilen der Stadt »keine Rückseite« zu besitzen, da sie nicht mehr für menschliches Wohnen und Wirtschaften gedacht sind. In der Sprache heutiger Internet-Subkultur, handelt es sich dabei um Liminal Spaces.
In einem entsprechenden Subreddit werden täglich hunderte Beispiele für diese Art von urbaner Einöde gepostet. Liminal steht hierbei für »an der Grenze«. Es geht also um eine Zone, die nicht ganz Teil dieser Welt zu sein scheint, der etwas Fundamentales fehlt, sodass sie sich eindimensional oder holografisch anfühlt. Das englische Wort »eerie« bietet sich zur Beschreibung dieser Grenzzonen an, die durch die sinnlich nicht greifbare und doch spürbare Wirkung verräumlichter Kapitalströme zustande kommen3.
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Wie an vielen anderen Baustellen neueren Datums in Frankfurt, sah man um 2019 auf dem Bauzaun entlang des Schönhofgeländes zwischen Westbahnhof und Rödelheim, hochauflösende, an schlechte Pop-Art Gemälde erinnernde Riesengrafiken. Sie zeigten so etwas wie Momentaufnahmen aus der virtuellen Zukunft des hier entstehenden Quartiers, inklusive der Einwohner, die aus Stock-Fotos ausgeschnitten und in den virtuellen Raum hineinmontiert worden waren. Diese Bilder kann man heute im Imagevideo auf der Webseite der neuen Siedlung sehen, wo sie sich als bewegte Leporellos mit generischen Einstellungen lachender Familien und schmusender älterer Ehepaare abwechseln.4
Daran schließen sich ein Statement von Laura Popescu, der Managerin des Bauprojekts, sowie zwei Interviews mit früheren Einwohner*innen Bockenheims an, die nun als Eigentümer*innen ins Schönhofviertel ziehen wollen. Letztere werden als alteingesessene Vertreter*innen eines linksliberalen Milieus präsentiert und wirken in der Hochglanzästhetik der übrigen Brand Identity, die hier präsentiert wird, seltsam deplatziert. Die betonte Authentizität dieser Kurzportraits scheint auf die Beiträge der Öffentlich-Rechtlichen aus den letzten Jahren zu reagieren, in denen Reporter Hausbesuche bei mittelständischen Familien und WGs machen, um sich dort in heimeliger Atmosphäre die Nöte der Bewohner*innen anhören, die mit Mieterhöhungen, Kündigung, Lock-In-Effekt und anderen Symptomen heutiger wohnungspolitischer Pathologien zu kämpfen haben. Offenbar haben neue Bauprojekte in Frankfurt ein Image-Problem, das hier vorauseilend abgemildert werden soll.
Sieht man sich an, was vom Schönhof-Viertel bereits steht, wird deutlich, dass man sich nicht nur rhetorisch Mühe gegeben hat, zwischen Investoreninteressen und Umgebung zu vermitteln. Im Gegensatz etwa zum ästhetischen Debakel des Europaviertels, das weit über Frankfurt hinaus als misslungenes Stück Stadtplanung gilt5 sind im Schönhof-Viertel die Häuser teilweise farbig und wechseln sich in der Bauart und der Textur der Fassaden ab.
Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass es sich auch hier um ein Beispiele für die neue Investorarchitektur handelt, die in Frankfurt und anderswo auf zahllosen Brachflächen aus der Erde schießt.
Diese neue Bauart ist zu erkennen an sperrigen, sowohl in der Gesamtheit wie in einzelnen Segmenten, kubisch wirkenden, meist weiß-grauen Blockbauten, mit glatter Fassade, flachem Dach, und großen, von kantigen Tragelementen unterteilten, wie gestapelt wirkenden Balkonen und Terrassen. Die Gebäude wirken dem Pragmatismus, schneller, modularer Planung unterworfen – und seltsam großspurig zugleich. Übermäßig raumgreifend, scheinen sie ihre Zugehörigkeit zu einer Reihe gleichartiger Bauten negieren und stattdessen die Souveränität eines herrschaftlichen Baus an den Tag legen zu wollen.
Die Fassaden haben nichts von der porösen Hinfälligkeit früherer Zweckarchitektur. Sie sind opak, aus massivem Beton, und wenden sich festungsartig von der Straße ab. Dieser neue Baustil erlaubt es der Politik, schnell Resultate zu erzielen und Quoten einzuhalten, die Investoren hingegen bauen sparsam, da dieses modularen Baukasten-Prinzip sich planungs- und Material-effizient auf alle möglichen Projekte und Gebiete skalieren lässt.
Beim Rundgang durch diesen neuen Stadtteil tritt man in eine Art uncanny valley ein, der Liminal Spaces der buy-to-leave-Fassaden verwandt ist. Etwas stimmt nicht. Es fehlt etwas von der Spontanität und Vitalität, die man normalerweise noch in den am schlimmsten verbauten Betonwüsten der Stadt finden kann. Der reale Raum dieser Siedlungen scheint dem Raster des virtuellen Modells unterworfen, aus dem sie hervorgegangen sind. Hier herumzulaufen, fühlt sich so an, als sei man direkt durch das Bild auf dem Bauzaun von 2019 in ein lebloses Hologramm des Jahres 2026 getreten.
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Der klassische Gentrifizierungsbegriff enthält implizit eine normative Kritik am sozialen Austausch von städtischem Raum, der an einer gerechten Organisation der Nutzung städtischer Räume orientiert ist.6 Buy-to-leave-Gentrifizieurng beschreibt einen Prozess auf höherer Abstraktionsstufe, denn der menschliche Faktor ist hier das, was sich in diesem Prozess nicht mehr abbildet und einer Verräumlichung purer Kapitalströme weicht. Dem würde ich gerne als drittes das Konzept die Meta-Gentrifizierung an die Seite stellen.
Die Stadt im Zustand der Meta-Gentrifizierung ist in ihrer Gesamtheit nur noch als Wertanlage wahrnehmbar. Wie im Europa- oder Schönhofviertel, scheint hier der manifeste Wert der Wohnanlage als eines Investmentobjekts, den öffentlichen Raum als Ort der Begegnung und Interaktion zu überlagern und zu kolonisieren, der nur noch als unmarkierter Zwischenraum raumgreifender, privater Wohneinheiten wahrgenommen, und als entsprechend leblos erfahren wird. Diese Orte werden zwar genutzt, jedoch gleichen sie in ihrer weltabgewandten Konzeption den gespenstischen Geisterstädten des buy-to-leave-Phänomens.
Diese Kolonisierung des Raumes wird Subjekt-seitig von Wahrnehmungstechnologien komplementiert, die auch die persönliche Lebenswelt zum Umschlagplatz potenzieller Werte umstrukturiert. Apps wie Instagram oder Tiktok, dienen in diesem Kontext als tools, die uns dazu konditionieren, unsere Umgebung ständig auf Objekte und Situationen abzuscannen, die wir der Zirkulation des kulturellen Kapitals auf Social Media einspeisen können. Dieses kann, wenn wir nur fleißig genug sind, irgendwann in finanzielles Kapital konvertiert werden. So zu sozialen Aufsteigern geworden, können wir dann selbst einen dieser wuchtigen Balkons mit Skyline-Blick beziehen und von dort aus weiter Content produzieren.
Wird der städtische Raum der Meta-Gentrifizierung im Großen von den inhumanen Skalen der Kapitalströme geformt, und somit zu Linimal Spaces umgestaltet, biedert sich die Stadt im Kleinen bestmöglich an den vertikalen Kader der Handykamera an. Straßenzüge und Cafés werden instagramable7, Street Art wird von der Stadt bestellt8, kulturelle Angebote werden zu Events, von deren Stattfinden man auch nur noch über Instagram erfährt.
Das macht frühere Ideen von einer inhärent-widerständigen Dynamik der Großstadtgesellschaft fragwürdig. Liest man etwa bei Henri Lefebvre nach, so konzipiert dieser den städtischen Raum in einer doppelten Weise: Einerseits ist es der Raum der Verwaltung, der Bürokratie und der Kapitalakkumulation. Auf der anderen Seite findet hier aber auch »Die Produktion des Raumes« statt. Für Lefebvre produzieren die Bewohner einer Stadt in den kleinen Handlungen des Alltags, den Freiräumen, den Cafés, den Parks eine parallele Sphäre, die dem Zugriff der technokratischen Verwaltung nicht ohne Weiteres zugänglich ist.9
Durch die heutige Meta-Gentrifizerung der Wahrnehmung, gehen diese widerständigen Potenziale verloren. Denn was hier zur Ware gerät und dann in den Aufmerksamkeitsmarkt eingespeist wird, ist nicht nur der Wohnraum, nicht nur der schöne Ausblick, es sind die sozialen Relationen und der alltägliche Erfahrungsraum selbst, der vermarktet wird. Der spontane, alltägliche Ausdruck der Bewohner der Stadt ist nun im virtuellen Raum der ästhetischen Selbstausbeutung angesiedelt, die ein Ende nicht einmal hinter der eigenen Haustür kennt.
Da bleibt nur übrig, zum Liminal Spaces Subreddit zurückzukehren. In dessen Selbstbeschreibung findet sich eine etwas optimistischere Definition der Grenzzone, als eines Ortes bevorstehender Umwälzung. Möge da etwas dran sein.
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Wie der klassische Gentrifizierungsbegriff, der in den 1960er Jahren von der Soziologin Ruth Glass geprägt wurde, ist auch buy-to-leave-Gentrifizierung an Beispielen aus London zum ersten Mal begrifflich herausgearbeitet worden. Vgl. Housing Studies Association. »Blog: One Kensington Gardens and buy-to-leave gentrification«. Zugegriffen 28. Mai 2026. https://www.housing-studies-association.org/articles/blog-one-kensington-gardens-and-buy-to-leave-gentrification.
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2
Vgl. https://landesregierung.hessen.de/presse/leerstandsgesetz-beschlossen (letzter Abruf hier und bei den nachfolgenden Links 29.05.2026)
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3
»Since the eerie turns crucially on the problem of agency, it is about the forces that govern our lives and the world. It should be especially clear to those of us in a globally tele-connected capitalist world that those forces are not fully available to our sensory apprehension. A force like capital does not exist in any substantial sense, yet it is capable of producing practically any kind of effect.« Fisher, Mark. The Weird and the Eerie. Third edition. Repeater Books, 2016.
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5
Vgl. »Im Würgegriff des Bebauungsplans«. 1. September 2016. https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/im-wuergegriff-des-bebauungsplans-14414241.html.
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6
Vgl. Gale, Dennis E. The Misunderstood History of Gentrification: People, Planning, Preservation, and Urban Renewal, 1915-2020. Urban Life, Landscape, and Policy. Temple University Press, 2021. S. 174
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7
Vgl. Die Definition des Cambridge Dictionary: »attractive or interesting enough to be suitable for photographing and posting on the social media service Instagram«. In: »Instagrammable«. https://dictionary.cambridge.org/us/dictionary/english/instagrammable.
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8
Jean Baudrillard, fand in den 1980ern im Graffitti noch eine Praxis, die gerade in ihrer Verweigerung von Sinn und ästhetischer Gefälligkeit, der semiotischen Versieglung des städtischen Raums in der Postmoderne noch etwas entgegensetzte. Mit der zunehmenden Präsenz professionalisierter Street Art in den Städten, ist auch dieser Freiraum von einer Verdrängung durch ästhetische Mittelstands-Modelle bedroht. Vgl. Baudrillard, Jean Kool Killer oder der Aufstand der Zeichen. Merve-Titel 79. Merve Verl, 1978.
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9
Vgl. »Produktion des Raumes«. https://www.spektrum.de/lexikon/geographie/produktion-des-raumes/6237. Eine gute Einführung in Lefebvres, über viele Bücher verteilte, Theorien zu Stadt und Alltagsleben bietet: Lefebvre, Henri. Das Alltagsleben in der modernen Welt. Suhrkamp, 1972.