Jede Zwangsräumung ist eine zu viel
Warum wir uns gegen die Verdrängung aus unserer Stadt wehren müssen
Mehr als eine Zwangsräumung pro Tag – das ist die Realität in Frankfurt am Main. 2025 wurden in Frankfurt 757 Zwangsräumungen ausgesprochen, von denen 488 tatsächlich vollzogen wurden1. Das entspricht einem Anstieg von über 16 Prozent innerhalb eines Jahres. Bundesweit wurden 2024 mehr als 32.000 Haushalte zwangsgeräumt, Tendenz steigend. Frankfurt, die Stadt mit den zweithöchsten Mietpreisen Deutschlands, ist dabei keine Ausnahme, sondern Paradebeispiel eines Wohnungsmarktes, der Profit über die Grundbedürfnisse von Menschen stellt.
Hinter jeder dieser Zahlen steht kein abstrakter Fall, sondern ein Mensch, eine Familie, ein konkretes Schicksal. Zwangsräumungen treffen dabei nicht alle gleich: Sie treffen überproportional Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern und ältere Menschen – also jene, die ohnehin am stärksten unter dem unsozialen Wohnungsmarkt leiden. Aber: Zwangsräumungen treffen zunehmend auch andere Gruppen, da Räumungsklagen zunehmend als Instrument der Ertragssteigerung eingesetzt werden — auch gegen zahlungsfähige Mieter*innen, um teurer neu zu vermieten.
Wenn das Zuhause zur Verhandlungsmasse wird
Der Fall der Familie Taouil aus dem Nordend zeigt, wie rücksichtslos auch öffentliche Wohnungsunternehmen agieren können2. Die sechsköpfige Familie sollte ihre Sozialwohnung der städtischen ABG Holding verlassen, nachdem sie sich jahrelang gegen Schimmel in der Wohnung gewehrt hatte – dem ging ein jahrelanger Rechtsstreit voraus. Die ABG bestand bis zuletzt und trotz der Notlage der Familie auf der Räumung. Nur durch öffentlichen Druck, Solidaritätsaktionen und parlamentarische Interventionen konnte die Zwangsräumung mitten im Corona-Winter 2020 verhindert werden.
Auch Gabrielle K., die seit 1979 in einer Wohnung der landeseigenen Nassauischen Heimstätte in Niederrad lebt, sollte ihre Wohnung verlieren – kurz nachdem sie ihre pflegebedürftige Mutter bis zu deren Tod betreut hatte3. Der eigentliche Grund: Sie hatte sich öffentlich gegen eine energetische Modernisierung gestellt. Wer sich lautstark wehrt, wird offenbar zur »Querulantin« erklärt und vor die Tür gesetzt.
Diese beiden Fälle stehen exemplarisch für ein strukturelles Problem: Auch öffentliche Wohnungsgesellschaften handeln in der Praxis oft wie private, gewinnorientierte und institutionalisierte Wohnungskonzerne. Wenn selbst öffentliche Akteure ihre eigenen Mieter*innen einschüchtern und verdrängen, liegt das Problem nicht in einzelnen »drastischen Beispielen«, sondern im System selbst.
Eine Zwangsräumung ist niemals nur ein Wohnungsverlust
Wer zwangsgeräumt wird, verliert weit mehr als vier Wände. Zwangsräumungen bedeuten den unumkehrbaren Verlust des Zuhauses und die Zerstörung des Lebensmittelpunktes. Im schlimmsten Fall droht die Unterbringung in einer Notunterkunft oder Obdachlosigkeit. Kinder verlieren ihre Schule, ihre Freund*innen, ihre Bezugspersonen. Zwangsräumungen lösen keine Probleme – sie verschärfen sie. Wer ohnehin in einer prekären Lage steckt, wird durch die Räumung in eine noch tiefere Abwärtsspirale aus Verarmung und sozialer Isolation gedrängt.
Der Austausch der Wohnbevölkerung ist kein Nebeneffekt eines ansonsten funktionierenden Marktes, sondern wird gezielt einkalkuliert. Denn der Wohnungsmarkt funktioniert nach einem zutiefst unfairen Prinzip: Wer sich die Miete nicht mehr leisten kann, muss gehen. Denn: In fast allen Fällen – 2023 waren es über 94 Prozent – sind Mietschulden der Grund für die Kündigung4. Zwangsräumungen sind also immer auch Ausdruck eines Verteilungsproblems, welches enorme Ausschlüsse produziert. Diese Verdrängungsprozesse sind nicht naturgegeben. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen: jahrzehntelange Privatisierung öffentlichen Wohnraums, dem Umbau der öffentlichen Wohnungsgesellschaften zu profitorientierten Akteur*innen, eine Abkehr vom sozialen Wohnungsbau, unzureichender Mieter*innenschutz und eine Stadtpolitik, die sich viel zu oft den Interessen der Immobilienwirtschaft beugt.
Warum zivilgesellschaftliche Intervention notwendig ist
Die Fälle Taouil und Gabrielle K. zeigen aber auch: Zwangsräumungen sind kein unabwendbares Schicksal. Sie können verhindert werden – wenn Betroffene nicht allein gelassen werden. Entscheidend ist dabei eine Kombination aus mehreren Faktoren: Öffentlichkeitsarbeit, die dem oft anonymen Vorgang ein konkretes Gesicht gibt; Solidaritätsaktionen und Kundgebungen, die Druck aufbauen; die enge Zusammenarbeit mit den Betroffenen selbst; Vernetzung mit Beratungsstellen sowie direkte Aktionen.
Ob eine Verhinderung gelingt, hängt wesentlich von den politischen Kräfteverhältnissen vor Ort ab. Vermieter*innen und Stadtpolitik scheuen negative Schlagzeilen – das verschafft uns als Zivilgesellschaft einen Hebel. Doch dieser Hebel wirkt nur dort, wo Öffentlichkeit hergestellt wird. Die überwältigende Mehrheit der jährlich hunderten Frankfurter Zwangsräumungen findet ohne jede mediale Aufmerksamkeit statt – unsichtbar für die Stadtgesellschaft, real für die Betroffenen.
Zu spät ist zu spät: Warum frühzeitige Hilfe entscheidend ist
Eine zentrale Erkenntnis aus unserer aktivistischen Arbeit: Der Weg in die Zwangsräumung beginnt nicht mit dem*der Gerichtsvollzieher*in vor der Tür, sondern Monate, manchmal Jahre vorher – mit der ersten Mahnung, der ersten Kündigung, dem ersten ungeöffneten Brief. Genau hier entscheidet sich oft, ob eine Räumung noch abgewendet werden kann. Wer erst reagiert, wenn der gelbe Brief mit dem Räumungstermin im Briefkasten liegt, hat kaum noch Handlungsspielräume. Wer sich dagegen frühzeitig informiert, kann Fristen nutzen, Mietschulden über die Wohnungssicherung klären lassen oder Kündigungen auf Formfehler prüfen lassen.
Deshalb haben wir gemeinsam mit der Stadtforscherin Sarah Klosterkamp vom Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt an der Broschüre »Drohender Wohnungsverlust in Frankfurt?«5 mitgewirkt, die kompakt erklärt, wie ein Räumungsverfahren abläuft, welche Rechte Mieter*innen haben und welche Beratungsstellen helfen können. Denn Wissen ist hier buchstäblich existenzsichernd: Scham und Ohnmacht führen häufig dazu, dass Betroffene sich zurückziehen, statt aktiv zu werden – genau das gilt es zu verhindern.
Unsere Rolle: Solidarität, die konkret wird
Als Eine Stadt für Alle! verstehen wir uns nicht als Zuschauer*innen von Verdrängungsprozessen, sondern als Teil des Widerstands dagegen. Wenn uns Betroffene erreichen, stehen wir solidarisch an ihrer Seite – mit konkreter, praktischer Unterstützung statt bloßer Symbolpolitik.
Das heißt für uns: Wir klären über grundlegende Mieter*innenrechte auf. Wir vermitteln an die richtigen Anlaufstellen – Rechtsberatung, städtische Stellen zur Wohnungssicherung oder psychosoziale Dienste – statt Menschen mit ihrem Problem allein zu lassen. Wir machen Öffentlichkeitsarbeit, weil eine Zwangsräumung, die im Verborgenen geschieht, leichter durchzusetzen ist als eine, die eine Geschichte hat, die die ganze Stadt kennt. Und wir wissen: Wer von Wohnungsverlust bedroht ist, steht oft nicht nur vor einem rechtlichen, sondern vor einem existenziellen Problem. Viele Betroffene sind psychisch am Limit, isoliert, verzweifelt. Deshalb gehört für uns auch psychische Unterstützung und das Gefühl, mit der eigenen Situation nicht allein zu sein, untrennbar zu unserer solidarischen Praxis dazu.
Was wir fordern
Einzelne verhinderte Räumungen sind wichtige Etappensiege, lösen aber nicht das strukturelle Problem. Wir brauchen eine grundlegend andere Wohnungspolitik: Zwangsräumungen müssen endlich der Vergangenheit angehören. Öffentliche Wohnungsgesellschaften wie die ABG oder Nassauischen Heimstätte müssen ihrem sozialen Auftrag tatsächlich gerecht werden, statt profitorientiert zu agieren wie private Konzerne. Es braucht mehr bezahlbaren und sozialen Wohnraum statt Luxusneubau. Und es braucht eine Politik, in der Mieter*innen nicht diffamiert, sondern – gemäß ihren Bedürfnissen – unterstützt werden.
Wohnen ist ein Menschenrecht, keine Ware. Solange dieser Grundsatz nicht die Realität in Frankfurt bestimmt, bleibt nur eines: hinsehen, organisieren, dagegenhalten. Jede einzelne Zwangsräumung ist eine zu viel. Wir werden uns weiterhin gegen Zwangsräumungen wehren – an der Seite der Betroffenen, gemeinsam mit allen, die eine solidarische Stadt für alle wollen statt einer Stadt für die, die es sich leisten können.
Wer von Wohnungsverlust bedroht ist oder jemanden kennt, der betroffen ist: Meldet euch frühzeitig und sucht nach Unterstützung. Jeder Tag zählt.
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1
Anfrage der Fraktion Die Linke im Römer F49/2026, unter: https://www.stvv.frankfurt.de/download/F_49_2026.pdf (letzter Zugriff: 15.06.2026)
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2
Pressemitteilung von Eine Stadt für Alle! vom 16.07.2021: »Aktivismus wirkt: Zwangsräumung im Nordend verhindert«, online abrufbar unter: https://frankfurter-info.org/news/aktivismus-wirkt-zwangsraeumung-im-nordend-verhindert (letzter Zugriff: 15.06.2026)
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Mehr Informationen zur Geschichte von Gabrielle K. unter: https://www.stadt-fuer-alle.net/?p=1995 (letzter Zugriff: 15.06.2026)
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4
Bericht des Magistrats B 230/2024 vom 07.06.2024, in: https://www.stvv.frankfurt.de/download/B_230_2024.pdf (letzter Zugriff: 15.06.2026)
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Die Broschüre »Drohender Wohnungsverlust in Frankfurt?« ist online auf unserer Webseite abrufbar: https://www.stadt-fuer-alle.net/?p=2104