Das frankensteinische Monster des zeitgenössischen Kapitalismus
Unsere Autorin rezensiert die bei Suhrkamp erschienene Publikation von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff Muskismus. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking.
Wer die Entwicklungen des gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen sucht, kommt an seinem Namen nicht vorbei: Elon Musk. Seine Teslas rollen über unsere Straßen, seine Starlink-Satelliten umspannen den Planeten und kommen, ebenso wie seine KI Grok, in Kriegsgebieten zum Einsatz, und mit seinem just an die Börse gegangenen Unternehmen SpaceX will er den Mars besiedeln. Auf seiner Plattform X teilen Fans Musks rechte Tweets im Kampf gegen das »woke Gedankenvirus« tausendfach. Mit der DOGE-Initiative sorgte er 2025 in der US-Regierung für ein radikales Kürzungsprogramm im Namen staatlicher Effizienz und Produktivität. Musks ökonomischer und ideologischer Einfluss ist enorm. Die von und mit ihm vorangetriebene Verschmelzung von Tech-Kapital und Staat, der Ausbau eines militärisch-technologischen Komplexes und die Radikalisierung der Tech-Elite hin zu offen-rechten, teils faschistoiden Positionen stellen eine zentrale Bedrohung unserer Zeit dar. Musk ist »Galionsfigur des digitalen Faschismus« (Söding & Callison 2026), der zunehmend an Boden gewinnt.
Wer diese Entwicklung verändern will, muss sie verstehen. Genau hier setzen Quinn Slobodian und Ben Tarnoff mit ihrem neuen Buch Muskismus an. Der englische Untertitel verspricht darüber hinaus einen Leitfaden für die Ratlosen. Dabei soll nicht Musk als Individuum im Zentrum stehen, wie er es in der öffentlichen Debatte sowieso meist tut, sondern die Welt, die er geschaffen hat; und die Welten, die ihn und die Tech-Elite so erfolgreich machten (Slobodian & Tarnoff 2026: 1). Dafür schlagen Slobodian und Tarnoff den Begriff des Muskismus vor, eine Anlehnung an den nach Henry Ford benannten Fordismus. Dieser war eine Art Betriebssystem des Kapitalismus im 20. Jahrhundert, das Massenproduktion mit Massenkonsum und dem Versprechen höherer Lebensstandards verknüpfte (ebd.: 8). Ähnlich verstehen die Autoren den Muskismus als potenzielles Betriebssystem für das »frankensteinsche Monster des zeitgenössischen Kapitalismus«. Schon das Cover der deutschen Ausgabe verweist dabei auf den neuen Souverän, dessen Macht in Unternehmen, Technologie und Kapital liegt: Es zeigt eine an Hobbes‹ Leviathan erinnernde Darstellung Musks, erstellt mit Grok (Musks eigenem KI-Unternehmen) (ebd.: 224). Den Titel »Technoking« gab sich Musk innerhalb von Tesla selbst statt »CEO«.
Das Buch entfaltet sein zentrales Theorem, den Begriff des Muskismus, in zwei Teilen. Der erste Teil, »Foundation« – eine Anspielung auf Asimovs gleichnamige Science-Fiction-Trilogie, Musks Lieblingsbuch –, beginnt mit einer Anekdote über Musks Großvater und die US-amerikanische Technokratiebewegung der 1930er Jahre. Von dort zeichnen die Autoren Musks Weg von Apartheid-Südafrika bis ins Silicon Valley nach und zeigen mit ihm die Unternehmenslogik des sich entfaltenden Muskismus. Die Logik des Systems beruht auf einer engen Symbiose zwischen Unternehmen und dem Staat, in der öffentliche Aufträge und Subventionen politische und technologische Macht auf neue Weise verschmelzen lassen (ebd.: 38). Damit widersprechen die Autoren dem Bild Musks als Libertären. Sie zeigen ihn stattdessen als das, was er tatsächlich ist: Ein Profiteur der Ressourcen und Macht des Staates, der sein Imperium maßgeblich durch die taktische Nutzung staatlicher Aufträge aufgebaut hat und es geschafft hat, von geopolitischen Krisen und den Zyklen der Finanzmärkte zu profitieren. Konkret zeigt sich das an der Chronologie seiner Unternehmen: Schon der Aufbau des Silicon Valley war eng mit staatlicher Förderung verbunden. Auch Musk wurde Teil des Dotcom-Booms und profitierte davon (ebd.: 41). Mit PayPal veränderte er die Finanzbranche. Mit SpaceX stieg er in Raketen und Satelliten ein, gerade als die USA im Zuge des »Kriegs gegen den Terror« ab 2001 die Privatisierung ihres Sicherheits- und Militärapparates initiierten (ebd.: 65). Mit Tesla baute er E-Autos, als unter Obama der Green New Deal ausgerufen wurde (ebd.: 90).
Musk verkauft eine neue »Souveränität als Dienstleistung« (ebd.: 57): das Versprechen von Unabhängigkeit durch Technologie. Auf Produktionsebene drückt sich das in der vertikalen Integration aus. Die Palette der Produkte drängt in sämtliche Lebensbereiche, von Solarpaneelen über Elektroautos bis hin zum Satelliteninternet. Was bleibt, ist jedoch keine Souveränität, sondern eine vertiefte Abhängigkeit von Musks Systemen, die sich per Knopfdruck abschalten oder mit höheren Gebühren belegen lassen (Slobodian & Tarnoff 2026b). Zugleich ist deren Datenverarbeitung undurchschaubar und eine weitere Quelle für Musks Profit. Mit seinen aktuellen Plänen zur Besiedlung und Ressourcennutzung des Mars weitet er seinen Anspruch bis ins Weltall aus.
Der zweite Teil, »Cyborg«, widmet sich jüngeren Entwicklungen: Musks Hinwendung zu sozialen Medien und rechten Ideologien, zu Künstlicher Intelligenz, zur Regierung Trumps sowie seiner Vision einer Verschmelzung von Mensch und Maschine. Slobodian und Tarnoff zeigen, dass Musk zunehmend davon überzeugt ist, dass Menschen mit Informationstechnologie verschmelzen und so zu einem »kybernetischen Kollektiv« werden (ebd.: 152). Nachvollziehbar wird diese Denkweise an Musks unternehmerischen Aktivitäten: der Mitgründung von OpenAI 2015, der Gründung des Gehirnimplantat-Unternehmens Neuralink und schließlich der Übernahme von Twitter 2022. Neuralink, das am wenigsten bekannte dieser Unternehmen, erforscht Gehirnimplantate, die das Bewusstsein der Nutzer*innen direkt mit dem Internet verbinden sollen (ebd.: 158). Von neuronal optimierten Soldaten bis zur Möglichkeit, Informationen und Propaganda direkt ins Gehirn einzuspeisen, diskutiert das Buch die erschreckend weitreichenden Kontrollmöglichkeiten, die mit solchen, als Befreiung verkauften Technologien verbunden sind.
Aus dieser Cyborg-Fantasie erklären die Autoren auch Musks Rechtsruck und seine Transfeindlichkeit. Was die Grenzen zwischen »Natürlichem« und »Künstlichem« verschiebt, begreift Musk als Bedrohung seiner eigenen Herrschaft (ebd.: 173). Diese Haltung radikalisiert sich zunehmend: Musk mobilisiert gemeinsam mit Trump die MAGA-Bewegung, vernetzt sich mit rechten Parteien weltweit und schafft mit Grok ein Gegenstück zur angeblich »woken KI« ChatGPT. Seit 2023 bezeichnet er sinkende Geburtenraten und »Masseneinwanderung« als die größten Bedrohungen der westlichen Zivilisation und schließt sich der rechtsextremen Verschwörungserzählung des »großen Austauschs« an (ebd.: 184).
Ohne Musk ein geschlossenes Weltbild zu unterstellen oder in ihn hineindeuten zu wollen, setzen sich die Autoren intensiv mit seinen Äußerungen und Auftritten dieser Zeit auseinander. Schließlich blicken sie auf Musks Rolle bei der US-Abteilung für Regierungseffizienz DOGE. Offiziell verfolgte die Abteilung das Ziel, die Technologie der Behörden zu modernisieren und ihre Effizienz zu steigern. Real verschaffte DOGE Musk direkten Zugriff auf sensible Daten von US-Bürger*innen, baute staatliche Überwachungskapazitäten aus, kürzte Sozialleistungen und verbesserte Technologien zur Erfassung von Einwander*innen. Musks Unternehmen profitierten prächtig von ihren neuen Regierungsaufträgen (ebd.: 199).
Dieses Muster reicht über Musk hinaus. Die Verflechtung von Tech-Kapital, Militär und Regierungsapparaten findet sich auch bei anderen Unternehmen wie Palantir. Eng verbunden mit Finanzakteuren und staatlich subventioniert, haben sich Palantir wie auch Musks Imperium zu zentralen Infrastrukturen der Überwachung, der Abschiebung und des Krieges im zeitgenössischen Kapitalismus erhoben. Das Buch zeigt dies eindringlich. Zugleich werfen die Autoren Fragen auf, die sie nicht durchgängig beantworten. Die wohl wichtigste: Was ist Muskismus nun genau? Slobodian und Tarnoff verstehen ihn »weniger als den Beginn einer komplett neuen Ära der globalen Wirtschaftsgeschichte, sondern vielmehr als eine potenzielle politische und ökonomische Entwicklung« (Slobodian & Tarnoff 2026a). Ob er Produktionsweise, Weltverständnis, politisches Projekt oder alles zugleich ist, bleibt offen (Struwe 2026). Diese Unschärfe lässt sich auch auf den zweiten Teil zurückführen: Spannend und notwendig wäre es gewesen, Musks Radikalisierung und seine Cyborg-Fantasien stärker an die strukturelle Diagnose des ersten Teils zu binden, statt sie vor allem an seiner Person zu entfalten (Bade 2026). Eine wichtige Erweiterung wäre zudem die internationale Dimension und die Frage, ob sich der Muskismus auch in Europa verankern kann, in dem zwar keine vergleichbare eigene Tech-Kapitalistenklasse existiert, sich aber die zunehmende Verschmelzung von nationalen und Unternehmensinteressen ebenso beobachten lässt (Slobodian & Tarnoff 2026a). Auch ließe sich die globale Kehrseite des Versprechens von »Souveränität durch Technologie« vertiefen: die Rohstoff-Lieferketten, über die Lithium, Kobalt und Nickel in Ländern wie Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo oder Indonesien unter brutalen Bedingungen abgebaut werden, da Tesla direkt Verträge mit den dortigen Minenbetreibern schließt.
Am Ende des Buches skizzieren Slobodian und Tarnoff vier pessimistische Zukunftsszenarien des Muskismus. Über deren Wahrscheinlichkeit lässt sich streiten. Unbeantwortet bleibt dabei, welche Formen Widerstand gegen dieses System annehmen müssten, um erfolgversprechend zu sein. Im Interview argumentieren die Autoren, dass KI eingeschränkt werden müsse und Politik nicht als Programmierung, sondern als »Prozess kollektiver Intelligenz und Kreativität von unten« gedacht werden solle (Slobodian & Tarnoff 2026b). Das ist zwar eine nette Floskel, sie formuliert aber keine politische Strategie. Dabei liefert die Analyse der Autoren durchaus mögliche Antworten: Wenn Musk seine Souveränitätsfantasien aus dem Eigentum und der Kontrolle über Infrastrukturen zieht, liegt die Perspektive auf demokratische Kontrolle und Vergesellschaftung als wirksame Gegenstrategie nahe.
Folgt man dem von Slobodian und Tarnoff aufgemachten Vergleich mit dem Fordismus weiter, lässt sich festhalten: Wie schon der Fordismus verändert auch der Muskismus die Formen des Arbeitskampfes. Das zeigen neu entwickelte Formen des Widerstandes: Im April 2026 versammelte die Konferenz »Cables of Resistance« in Berlin – nach eigenen Angaben die erste Bewegungskonferenz gegen Big Tech – Aktivist*innen aus Klima-, Mieten-, feministischen und antifaschistischen Kämpfen sowie aus Gewerkschaften (Wahmkow 2026). In den USA demonstriert die »Tesla Takedown«-Bewegung seit über einem Jahr gegen Musks Einfluss auf die Regierung. In Grünheide formiert sich seit Jahren Protest gegen die Tesla-Gigafabrik. Die »Tech Workers Coalition« zeigt, wie Organisierung in der Tech-Branche selbst aussehen kann – und in Indonesien verbinden sich Proteste gegen die Arbeitsbedingungen in den Nickel-Minen mit dem Schutz des Regenwaldes und den Rechten indigener Bevölkerung. Viele weitere Bewegungen unserer Zeit kämpfen gegen Überwachung, Militarisierung und Krieg. So unterschiedlich diese Kämpfe oft auch sind, eint sie doch die Klammer des Kampfes gegen die Folgen des von Slobodian und Tarnoff beschriebenen Systems des Muskismus. Wie seine Entstehungsbedingungen aussehen und zusammenhängen, zeigt das lesenswerte Buch in einer Analyse von erstaunlicher Dichte: eine theoretische Grundlage, die zu kämpferischen Antworten werden kann.